Korruption erschwert Neuanfang
Bombay wandelt am Abgrund

Indiens Wirtschaftsmetropole Bombay lebt mit ihren schätzungsweise 18 Millionen Einwohnern permanent am Rande des Infarkts. Das unterstreicht die Flutkatastrophe, die das Leben seit einer Woche lähmt. Die Monsunflut zeigt, wie marode Indiens größte Stadt inzwischen ist.

BOMBAY. Wer in Bombay nach der besten Seite der Stadt fragt, bekommt immer dieselbe Antwort: die Menschen. Deren Einfallsreichtum, Optimismus und Arbeitswillen sind im ganzen Land legendär. Dennoch lebt Indiens Wirtschaftsmetropole mit ihren schätzungsweise 18 Millionen Einwohnern permanent am Rande des Infarkts. Das unterstreicht die Flutkatastrophe, die das Leben seit einer Woche lähmt.

Nach den stärksten Monsungüssen der Geschichte am vergangenen Dienstag und weiteren kräftigen Regenfällen steht noch immer ein Drittel der Stadt unter Wasser. In vielen Vierteln gibt es seit acht Tagen weder Strom noch Trinkwasser. Der Kollaps der Straßen-, Bahn- und Flugverbindungen hat Indiens globalste Stadt tagelang vom Rest der Welt abgeschnitten.

Wo das Wasser abläuft, tritt das marode Fundament zu Tage: Die altersschwache Infrastruktur hält mit dem rasanten Bevölkerungswachstum und der illegalen Bautätigkeit seit langem nicht mehr mit. Die Stadtverwaltung schiebt das Chaos auf höhere Gewalt. Aber die lokale Presse macht Schlendrian, Fehlplanung und Korruption dafür verantwortlich, dass die Landebahn des Flughafens tagelang überflutet war, die wichtigste Stadtautobahn metertief im Wasser versank und mit dem Bandra-Kurla-Komplex das neue Bankenzentrum in kürzester Zeit absoff. „Unsere Kanalisation stammt aus der Kolonialzeit und wurde kaum modernisiert“, begründet der Leiter der Stadtverwaltung lapidar, warum die Flut so schlecht abläuft.

„Bombays Waterloo“ titelte gestern die „Economic Times“. Der Anspruch der Stadt, internationales Finanzzentrum zu werden, erweise sich als „Illusion“. Die Flut verdeckt, dass die Metropole bereits seit Jahren rapide an Glanz verliert. Unternehmen expandieren lieber in Bangalore, Hyderabad, Delhi, Madras oder Pune. „Bombay ist im Niedergang“, klagt Sudir Trehan, Geschäftsführer des Maschinenbauers Crompton Greaves, „und daran sind alleine die Politiker schuld.“ Astronomische Kosten, Platzmangel und die verlotterte Infrastruktur beschleunigen einen Exodus von Industriefirmen. Trehan hat drei Fabriken dicht gemacht und nach Goa verlagert. Mit durchschnittlich 580 Dollar Büromiete pro Quadratmeter steht Bombay laut der Immobilienfirma CB Richard Ellis auf Platz 23 der teuersten Städte der Welt. „Aber den Kosten entspricht keine angemessene Gegenleistung“, schimpft Anil Laud, Chef der Siemens-Softwaretochter SISL. Auch er expandiert anderswo und macht sich Sorgen um die Zukunft seiner Stadt.

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