Kosovo
Das Scheitern der Welt

Wenn der Kosovo seine Unabhängigkeit ausruft, werden die Vereinten Nationen die 1,8 Millionen Einwohner in die Obhut der EU entlassen; nach der Präsidentenwahl in Serbien bereiten sich die Truppen auf ihren Abzug vor. Doch dem Kosovo fehlt das wirtschaftliche Fundament, der Landstrich versinkt im Chaos. Die Hinterlassenschaften der Uno.

PRISTINA. Das Problem dieses Landstrichs ist schnell zu sehen. Oder, genauer gesagt, zu hören und zu riechen: Schlagartig wird es nachtdunkel, und Sekunden später rollen die Wellen des ohrenbetäubenden Ratterns der Generatoren an. Ein Schwall von Dieselabgasen schlägt auf die Lungen. Rußwolken und Lärm zeugen von ständigen Stromausfällen – auch im neunten Jahr seit Beginn der Verwaltung des Kosovos durch die Vereinten Nationen. Milliarden hat die Weltgemeinschaft in dieses Gebiet gesteckt. Doch noch immer hat fast jeder Laden in der Hauptstadt Pristina einen Dieselgenerator vor dem Schaufenster stehen, der mehrmals täglich angefahren wird. „Dabei sind wir in Europa, nicht in Afghanistan“, echauffierte sich jüngst eine TV-Moderatorin auf dem Bildschirm über die katastrophalen Zustände.

Nach der Präsidentenwahl in Serbien am gestrigen Sonntag wird nun täglich damit gerechnet, dass das formal noch Belgrad unterstehende Kosovo seine Unabhängigkeit ausruft. Dann, so sieht es der sogenannte Ahtisaari-Plan vor, ziehen die Kohorten der Weltgemeinschaft ab und übergeben den Landstrich, so groß wie zwei Drittel Schleswig-Holsteins, mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern in die Obhut der EU. Brüssel soll den Oberaufseher über zerstrittene Albaner und Serben stellen und einen richtigen Staat auf dem historischen Amselfeld errichten.

Damit hätte die EU trotz der Milliardensubventionen eine Titanen-Herausforderung vor sich. Denn „40 Prozent der Kosovaren leben unter der Armutsgrenze, weitere 15 Prozent sind sogar extrem arm“, sagt der in Pristina ansässige indische Weltbankvertreter Ranjit Nayak. Das Bruttoinlandsprodukt des Kosovos ist so groß wie das Ägyptens, und die Wirtschaftskraft der im Ausland lebenden Kosovaren ist deutlich größer als die der heimischen Bevölkerung. Die ist zur Hälfte jünger als 25 Jahre alt und zum nahezu gleichen Anteil arbeitslos.

Doch nicht nur das wirtschaftliche Fundament fehlt dem Kosovo. Selbst nach gut acht Jahren Verwaltung und mehr als 22 Milliarden Dollar Starthilfe hat es die Unmik, die United Nation Mission, nicht geschafft, ein institutionelles Auffangbecken für den ersten Uno-Staat der Welt zu errichten. Tatsächlich gab es nirgends sonst auf der Welt ein Gebiet, das direkt und faktisch staatlich von den Vereinten Nationen geleitet wurde, eigene Pässe und Nummernschilder ausgab. „Unmikistan“ nennen die Bewohner ihr zerschundenes Land verächtlich. Dort bleibt bis heute Alteisen das Hauptexportprodukt, auf der Straße von Mitrovica nach Prizren reiht sich Autofriedhof an Autofriedhof. Nicht einmal ein Kataster gibt es bis heute, Grundlage für Landkauf und Investments. 90 Prozent der Lebensmittel in dem Agrarland sind Importe.

Ein einheimischer Ökonom, der seinen Namen nicht nennen will, sagt: „Unsere Politiker haben jahrelang alle Wirtschaftsanstrengungen mit dem Argument weggewischt: kommt die Unabhängigkeit, kommt das Wachstum. Doch zum Anlegen eines Tomatenackers braucht es keiner staatlichen Selbstständigkeit, sondern fleißiger Hände. Nach der Ausrufung der Unabhängigkeit fallen wir in ein tiefes Loch.“ Dennoch drängen die meisten Kosovaren auf das Ende von „Unmikistan“.

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