Kosovo
Investoren meiden den jungen Staat

Die Abspaltung von Serbien sollte dem Kosovo zu wirtschaftlicher Blüte verhelfen - doch der jüngste Staat Europas tritt ein Jahr nach der Unabhängigkeit ökonomisch auf der Stelle, die organisierte Kriminalität hat das Land fest im Griff.

BERLIN. Die Abspaltung von Serbien sollte dem Kosovo zu wirtschaftlicher Blüte verhelfen - doch ein Jahr nach der Unabhängigkeit ist das Land ökonomisch allenfalls Trippelschritte vorangekommen. So haben ausländische Investoren laut Zentralbank im vergangenen Jahr 355 Mio. Euro im Kosovo investiert - 80 Mio. Euro weniger als 2007. Shpend Ahmeti vom Institute for Advanced Studies in Pristina nennt "die angespannte politische Lage" als Grund für die schleppende Wirtschaftsentwicklung. So macht etwa Moskau weiter Druck auf mögliche Handelspartner, die frühere serbische Provinz nicht als unabhängigen Staat anzuerkennen. Probleme bereiten zudem die serbische Minderheit und die um sich greifende Kriminalität.

Von echter Unabhängigkeit könne ein Jahr nach der Autonomieerklärung keine Rede sein, kritisiert etwa Studentenführer Albin Kurti, Chef der nationalen Widerstandsbewegung "Vetevendosje" (Selbstbestimmung). "Statt sich auf die Anerkennung unserer Unabhängigkeit durch andere Staaten zu kümmern, hätte unsere Regierung besser dafür sorgen müssen, dass der Staat zusammenbleibt", sagt Kurti. Denn in Wahrheit führe der serbisch besiedelte Norden des Kosovos noch immer faktisch ein Eigenleben.

54 Staaten - darunter nur 22 der 27 EU-Länder und die USA, aber auch die Marshall-Inseln, Nauru, Samoa und Mikronesien - haben das Kosovo als Staat inzwischen anerkannt. Präsident Fatmir Sejdiu ist zufrieden mit der Zahl der Unterstützer: "Wir hätten es natürlich gern, wenn es ein paar mehr wären", sagte er dem Handelsblatt. Aber "Serbiens diplomatische Initiativen und Russlands Engagement in der Frage" ließen manche Regierung zögern. So warteten viele Staaten erst ab, ob der von Belgrad angerufene Internationale Gerichtshof die Loslösung des Kosovos von Serbien für rechtmäßig erklärt. Eine Entscheidung des Gerichts wird erst im kommenden Jahr erwartet.

Die Regierung in Moskau wiederum mache Druck auf Russlands Handelspartner in der arabischen Welt, das moslemisch geprägte Kosovo nicht anzuerkennen. Die Entwicklung seines Landes insgesamt sieht Fejdiu positiv: "Wir sind ein realer Staat geworden, der jetzt seinen Bürgern gehört. Wir haben demokratische Institutionen geschaffen und setzen die frei gewählte demokratische Verfassung um", sagt der Staatspräsident. Auch ökonomisch sei das Kosovo auf einem guten Weg. Doch das bestreiten nicht nur Vertreter der serbischen oder der Roma-Minderheiten im Kosovo, sondern auch moslemische Oppositionspolitiker wie Ex-Premier Ramush Haradinaj: "Unsere Politik in Sachen Sicherheit und Rechtstaat ist vollkommen kollabiert", sagt er. Dem Premierminister und früheren politischen Kommandeur der Kosovo-Befreiungsarmee UCK, Hashim Thaci, wirft Haradinaj vor, die Kontrolle über das Land zu verlieren und so die Unabhängigkeit aufs Spiel zu setzen. Auch Geheimdienste und Balkan-Forscher registrieren mit Sorge, dass die Organisierte Kriminalität das Kosovo fest im Griff hat. Auch nationalistische und islamistische Gruppen bauen ihre Präsenz aus, was Investoren abschreckt.

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