Kostenexplosion erhöht Handlungsdruck
Obama packt Gesundheitsreform an

Als Hillary Clinton einst versuchte, die Krankenversicherung zu reformieren, scheiterte sie am Widerstand der US-Gesundheitslobby. 15 Jahre später wagt Barack Obama einen neuen Anlauf – und könnte diesmal Erfolg haben. Die Behandlungskosten belasten Unternehmen, Staat und Patienten inzwischen so sehr, dass sich selbst die Gesundheitsindustrie einer Reform nicht verschließen kann.

WASHINGTON. Am Montag kündigte die US-Gesundheitslobby an, innerhalb der nächsten zehn Jahre zwei Billionen Dollar einsparen zu wollen. Kostensenkung ist zwar nur ein Teil des Obama-Plans, der am Ende eine Krankenversicherung für alle Amerikaner vorsieht. Dennoch erfährt dieses innenpolitische Großprojekt des US-Präsidenten damit gleich zu Beginn Rückenwind des Privatsektors. Getrieben wird der Reformwille schon aus ökonomischen Gründen: Derzeit geben die USA jährlich 16 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts allein für die Finanzierung ihres Gesundheitssystems aus und liegen damit an der Spitze in den westlichen Industrieländern. Doch trotz der immensen Ausgaben bleiben derzeit geschätzte 52 Millionen Menschen in Amerikaner gänzlich ohne Krankenversicherung, weil sie sich diese nicht leisten können.

War das Kostenwachstum schon hoch, als Hillary Clinton 1993/94 die Reform in Angriff nahm, so sind die Ausgaben inzwischen explodiert. Mitte der 90er-Jahre lagen die Kosten bei knapp einer Billion Dollar. Für 2010 werden sowohl staatliche wie private Ausgaben von rund 2,5 Billionen Dollar prognostiziert. Allein 2007 wuchsen die Kosten um 6,1 Prozent. Dabei steigen die finanziellen Belastungen für den US-Steuerzahler deutlich schneller an als für den Privatsektor. Zum einen, weil immer mehr Menschen, die in wirtschaftliche Not geraten, den staatlichen Rettungsschirm Medicaid in Anspruch nehmen. Zum anderen steigt die Zahl der älteren Menschen in den USA, die damit auf das ebenfalls staatliche Angebot Medicare zugreifen können. Parallel hierzu sind die Behandlungskosten in die Höhe geklettert.

Um den weiteren Anstieg einzudämmen, hat die Gesundheitslobby erklärt, bis 2020 das jährliche Kostenwachstum um 1,5 Prozent zu reduzieren. Dies sei ein „Gebot der Stunde“ schrieben die Vertreter der Versicherer, Ärzte, Arzneimittelhersteller und Medizintechnikfirmen in einem Brief an den Präsidenten. Fraglich ist allerdings, wie dies gelingen soll. Bislang ist nur davon die Rede, dass die Verwaltungsgebühren gekürzt, die zum Teil noch recht umständlichen Zahlungswege vereinfacht und die Abläufe in den Krankenhäusern ökonomischer werden sollen. Zudem: Auch diese Maßnahmen würden nichts daran ändern, dass die Gesamtausgaben für Gesundheit in den USA weiter wachsen. Experten gehen von einem Anteil am BIP von 18 Prozent im Jahr 2019 aus.

Obama hat es zwar bislang vermieden, einen klaren Plan zu präsentieren, wie er sich das Gesundheitssystem der Zukunft vorstellt. Vielmehr will er es der Industrie und dem Kongress überlassen, die Inhalte der Reform auszuarbeiten. Vermeiden will er damit einen Fehler von Hillary Clinton, die weite Teile des Kongresses bei der Ausarbeitung ihres Plans ausschloss. Gleichwohl fürchten die Gesundheitslobby und große Teile der Republikaner, dass Obama im Grunde auf ein Modell abzielt, bei dem der Staat als Versicherer mit einem eigenen Angebot in Konkurrenz zu den privaten Anbietern tritt.

Sollte dies der Fall sein, dann könnte dies an die Existenz vieler privater Krankenversicherungsunternehmen gehen. Bei einer Konferenz zu diesem Thema kürzlich in Washington sagte Karen Ignagni, Präsidentin der Lobbygruppe „America's Health Insurance Plans“: „Das ist eine rote Linie für uns. Dann verlieren wir am Ende bis zu 100 Millionen Versicherte.“ Ähnlich äußerte sich auch der republikanische Senator Robert Bennett aus Utah. Wenn Obama eine staatliche Krankenversicherung einführen wolle, dann sei dies eine Sache, an der alle Verhandlungen scheitern könnten.

Seite 1:

Obama packt Gesundheitsreform an

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%