Krankenschwestern verurteilt
Nervenkrieg in der Todeszelle

Die Geschichte ist traurig und bizarr zugleich: In Libyen wurden vor Jahren bulgarische Krankenschwestern zum Tode verurteilt, weil sie hunderte Kinder mit dem Aids-Virus infiziert haben sollen. Für diese Woche wird ein endgültiges Urteil erwartet – die eindeutige Beweislage zu Gunsten der Frauen wird jedoch ignoriert.

TRIPOLIS. Es ist eine bizarre Geschichte voller orientalischer Verschwörungstheorien. Es ist eine tragische Geschichte über gutgläubige Krankenschwestern aus Osteuropa, die unschuldig in die Todeszelle eines nordafrikanischen Schurkenstaates geraten, und 400 Kinder, die mit dem Aids-Virus angesteckt werden. Viele sterben oder werden in den besten Kinderhospitälern Europas behandelt.

Das Ende der Geschichte wird voraussichtlich diese Woche geschrieben, wenn ein Gericht in Tripolis sein Urteil verkündet. Den Angeklagten, einem palästinensischen Arzt und fünf bulgarischen Krankenschwestern, droht die Todesstrafe.

Das Drama beginnt im November 1998. Die libysche Zeitung „La“ schlägt Alarm: „Im Fatih-Kinderkrankenhaus von Bengasi häufen sich die Aids-Fälle.“ 50 HIV-infizierte Patienten werden gezählt, einige Kinder sind schon tot. In Bengasi, einer Industriestadt 1 000 Kilometer von Tripolis entfernt, macht sich Panik breit.

Das Aids-Drama wird zum größten politischen Problem von Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi. Die betroffenen Eltern klagen gegen den Chefarzt des Spitals und den regionalen Gesundheitsminister. Als sich die Epidemie nicht mehr verheimlichen lässt, geht das Regime in die Offensive. Es schließt die Zeitung „La“, die es wagte, den Ruf des Landes zu besudeln. Dann lässt es das Gerücht verbreiten, die Aids-Patienten seien das Opfer einer ausländischen Verschwörung gegen Libyen.

Dutzendweise werden medizinische Gastarbeiter verhaftet – Polen, Philippiner, Ägypter, Palästinenser, Bulgaren. Weil die bulgarischen Diplomaten weniger clever agieren als die Kollegen aus Kairo oder Warschau, bleiben am Ende bloß Bulgarinnen hinter Gittern, zusammen mit einem palästinensischen Arzt.

Der Vorwurf gegen die Gastarbeiter, die kurz vor Weihnachten 1998 festgenommen werden und seither im Gefängnis sind, ist monströs: Massenmord mit der Spritze. Sie sollen mehr als 400 Kinder vorsätzlich mit dem Aids-Virus infiziert haben.

Um das Geständnis zu erpressen, werden sie vergewaltigt und gefoltert. Nach einem grotesken Schauprozess werden sie zum Tod verurteilt. Das Gericht stützt sich auf das Geständnis einer Krankenschwester, das diese später aber widerruft. Schon bald stellt sich heraus: Nicht Ausländer, sondern libysche Mediziner und Gesundheitspolitiker haben die Tragödie zu verantworten. Für ausländische Experten ist es ein klarer Fall: Die Ansteckung mit dem Aids-Virus ist hausgemacht. Da es im Spital zu wenig Spritzen gibt, werden sie mehrere Male eingesetzt.

Auf westlichen Druck wurde im vergangenen Jahr das Todesurteil zwar kassiert und der Fall an ein Kriminalgericht überwiesen. Doch auch beim neuen Prozess gibt es keine Fairness. Die Verteidigung wird kaum angehört und ihr Gesuch, eine neue Untersuchung über die Ursachen der Infektion durchzuführen, abgelehnt. Das Know-how internationaler Fachleute, das die Unschuld der Angeklagten offen legt, wird nicht anerkannt. Es gebe keine schriftlichen Beweise für die Wiederverwendung von Spritzen im Bengasi-Spital, weisen libysche Juristen den Bericht von anerkannten Experten zurück – darunter Luc Montagnier, der Mann, der das Aids-Virus entdeckt hat.

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