Krankenversicherung USA: Die skurrile Wende bei Obamacare

Krankenversicherung USA
Die skurrile Wende bei Obamacare

„Obamacare“ bekommt immer mehr Zulauf – sogar in republikanisch regierten Bundesstaaten. Das stellt die konservativen Politiker vor eine Zerreißprobe. Doch in Florida scheint ein Ausweg schon in Sicht.
  • 2

San FranciscoDie Situation für die Kritiker der obligatorischen Krankenversicherung in den USA wird im zweiten Jahr immer prekärer. Selbst in konservativen Vorzeigeländer wie Texas und Florida setzt ein Run auf Obamacare ein. Doch die Politiker können nicht mehr zurück und haben jetzt ein Problem.

Die Stimmung ist mehr als nur gereizt. Auf beiden Seiten: Der Büromittel-Händler Staples kündigte an, keiner Teilzeitkraft sei kategorisch mehr erlaubt, mehr als 25 Stunden pro Woche zu arbeiten. „Aktuelle Ereignisse“ hätten dazu geführt, heißt es in einem Schreiben vergangener Woche. Gemeint ist anscheinend eine Verpflichtung für große Arbeitnehmer ab 2015 allen Angestellten mit mehr als 30 Wochenstunden eine Krankenversicherung anzubieten.

US-Präsident Barack Obama antwortete mit beißender Schärfe: Er habe sich nicht das „Gehaltspaket des Vorstandschefs angeschaut“, aber er sei sich sicher, er könne seinen Angestellten wenigstens ein Minimum an finanzieller Absicherung gewähren. Und er fügte hinzu: „Wenn ich Großunternehmen höre, die Milliarden Dollar an Gewinnen einfahren, und dann unseren Versuch Krankenversicherungen einzuführen als Vorwand anführen, um die Löhne der Angestellten zu kürzen, dann kann ich nur sagen: Schämt euch!“ Staples kartete umgehend zurück und fühlte sich falsch verstanden: Der Präsident kenne wohl „leider nicht alle Fakten“, heißt es beleidigt.

Die Diskussion ist emotionsgeladen wie selten in den USA. Das wohl größte und am meisten umstrittene soziale Experiment der westlichen Welt im 21. Jahrhundert geht in sein zweites Jahr. Für Präsident Obama ist das eine höchst persönliche Angelegenheit, die er sogar in skurrilen Werbevideos vertritt. Grimassen-schneidend, mit Selfiestick und krasser Sonnenbrille wirbt der Präsident um sein Anliegen.

Trotz zahlloser Versuche konservativer Kreise in den USA sowohl juristisch als auch politisch die Einführung der generellen Krankenversicherung, kurz „Obamacare“, zu verhindern, werden auch dieses Jahr Millionen Amerikaner zum ersten Mal in ihrem Leben eine Krankenversicherung bekommen. Besonders problematisch für die republikanische Partei, die bereits angekündigt hat, mit der neuen Mehrheit in Repräsentantenhaus und Senat schonungslos weiter an der Abschaffung von Obamacare zu arbeiten: Die größten Zuwächse bei der Antragsstellung kommen aus republikanisch regierten Staaten wie Texas und den traditionell konservativen Südstaaten. Das zeigen die Statistiken vor dem Abschluss der öffentlichen Antragsrunde an diesem Sonntag.

Es sind vor allem die Südstaaten, republikanisch regiert und mit die ärmsten Staaten der USA, die noch 2013 vollmundig die geschlossene Ablehnung ihrer Bürger erklärt hatten. Viele dieser Staaten haben schlicht keine eigenen bundesstaatlichen Versicherungsbörsen aufgebaut, so wie etwa Kalifornien. Es gab keine oder kaum Werbung für Obamacare, keine offiziellen Informationsblätter oder Unterstützung. Wer wollte, der musste auf eigene Faust suchen. Und das haben offenbar immer mehr Bürger gemacht. „Es spricht sich halt einfach rum“, so demokratische Befürworter.

Texas, Louisiana, South Carolina und Mississippi verzeichneten kurz vor Toresschluss ein Plus von 80 Prozent bei den Anmeldungen, so Andy Slavitt vom nationalen Gesundheitsservice. In Texas alleine sind es jetzt über eine Million Versicherte. In den anderen Staaten zwischen 90.000 und 180.000. Das Rentner-Paradies Florida mit dem konservativen Gouverneur Rick Scott ist mit 1,2 Millionen Anträgen Spitzenreiter. Diese Staaten hätten generell die höchsten Wachstumsraten in den Schlusswochen der Anmeldefrist gezeigt, so Slavitt vom Center for Medicare and Medicaid Services.

Kommentare zu " Krankenversicherung USA: Die skurrile Wende bei Obamacare"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • das ist doch ein riesen markt,mit dem geld verdient werden kann, noch sind krankenhäuser staatlich oder staatlich gefördert, demnächst können sie gewinne machen, das weck begehrlichkeiten, die versicherungsbranche kann ordentlich verdienen, das alles wollen die sturköpfe der sogenannten rep. verhindern

  • Es ist schon lange abzusehen, dass sich die Republikaner bei Obamacare wie bei so vielen Dingen völlig verrant haben.
    Für uns Mitteleuropäer ist eine Diskussion um eine obgligatorische Krankenversicherung absolut unverständlich. Krankheiten oder Unfälle sind nur zu einem kleinen Teil durch Lebensweise beeinflussbar und die richtig hohen Kosten entstehen eh mit zunehmendem Alter, also einem Prozess, dem sich niemand entziehen kann. (außer frühem Tod)

    Das Gesundheitssystem eines Landes ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und keine Privatsache.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%