Krawalle in Deutschland derzeit eher unwahrscheinlich: Migrationsforscher fordert Konsequenzen aus „Fanal von Frankreich“

Krawalle in Deutschland derzeit eher unwahrscheinlich
Migrationsforscher fordert Konsequenzen aus „Fanal von Frankreich“

Der Direktor des Instituts für Migrationsforschung in Osnabrück, Klaus J. Bade, hat die deutschen Politiker aufgefordert, Konsequenzen aus dem „Fanal von Frankreich" zu ziehen. „Heute stehen wir vor den Problemen der versäumten Integrationspolitik in der 80er Jahren", sagte Bade dem Handelsblatt. Die Politiker sparten „an der falschen Stelle, wenn sie solche gesellschaftlichen Prozesse an die Wand laufen lassen". Die verheerenden Folgen müsste die gesamte Gesellschaft teuer bezahlen. Bade forderte Union und SPD auf, die Integrationspolitik stärker als bisher in den Koalitionsverhandlungen zu berücksichtigen.

HB DÜSSELDORF. Aus Sicht des Migrationsforschers ist die derzeitige Situation in Deutschland allerdings mit der in Frankreich nicht vergleichbar. "Das französische Integrationsmodell ist durch eine Ballung von Problemen zusammengebrochen", sagte Bade. Diese reichten von Bausünden in den Vorstädten bis hin zu einer klaren ethnischen Diskriminierung der Jugendlichen. In Deutschland habe man zwar auch benachteiligte Jugendliche, die Jugendarbeitslosigkeit sei aber noch nicht so hoch wie in Frankreich.

zustimmung erhält Bade von seinem Kollegen Dieter Oberndörfer. Auch er hält in Deutschland Ausschreitungen wie jetzt in Frankreich für eher unwahrscheinlich. „Wir haben unterschiedliche Siedlungsstrukturen und andere Einwanderer als in Frankreich“, sagte Oberndörfer am Montag in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Die Vorfälle in Paris zeigten aber, wie wichtig eine Integrationspolitik ist. „Bei den Koalitionsverhandlungen darf die Integrationsförderung nicht heruntergeschraubt werden“, warnte der Politikwissenschaftler. Die mit dem Zuwanderungsgesetz angebotenen Sprachkurse seien eher noch zu wenig.

In Frankreich komme eine Großteil der Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien, betonte Oberndörfer. „Die französische Gesellschaft hat sich um die nicht gekümmert.“ Nach der weitgehenden Automatisierung der Industrie seien sehr viele arbeitslos geworden und hätten extrem schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Probleme gebe es vor allem mit der so genannten dritten Generation, die nicht mehr von sozialen Normen der Eltern geprägt sei.

Ähnliche Probleme gebe es zwar auch in Deutschland. Aber eine große Gruppe, die türkischen Einwanderer, sei sehr viel integrationsfähiger als etwa die Marokkaner in Frankreich, bei denen es fast unlösbare Integrationsprobleme gebe. Außerdem seien nur Teile der in Deutschland lebenden Türken an den Islam gebunden. „In Frankreich hat der Islam unter den Zuwanderern eine größere Relevanz für ihre Identität.“ Eine wesentliche Rolle in Frankreich spielten die extrem ungünstigen und unmenschlichen Trabantensiedlungen mit Hochhäusern ohne Infrastruktur. „In Deutschland gibt es nur wenige Städte mit dieser hohen Ausländerkonzentration und keine vergleichbaren Orte mit solch schlechter sozialer Infrastruktur“, sagte Oberndörfer.

Aber auch in Deutschland gebe es große Defizite. Viele Migranten verfügten nur über schlechte Sprachkenntnisse und über schlechte oder gar keine berufliche Ausbildung. „Wir müssen uns bemühen, durch die Bildungspolitik diese Defizite zu beseitigen, damit Chancengleichheit hergestellt wird.“ Oberndörfer warnte davor, die Einstellung zu Ausländern in Deutschland nicht durch die Krawalle in Frankreich weiter zu verschlechtern. „Wichtig ist vielmehr, dass wir uns allmählich öffnen für eine Integration, die Akzeptanz heißt.“ Auch dürften trotz aller Defizite auch die Erfolge der Integration nicht vergessen werden, sagte Oberndörfer und verwies auf die große Zahl türkischer Unternehmen in Deutschland.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%