Krawalle in London

Der Sparzwang schürt die Gewalt

Großbritannien muss eisern sparen, der Lebensstandard sinkt. Das tut weh und trifft vor allem die ärmere Bevölkerung. Jetzt entlädt sich der tiefe Frust zum ersten Mal in brutaler Gewalt.
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England in Flammen
Britain Riot
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In der Nacht zum Mittwoch blieb es in London wegen der massiven Polizeipräsenz weitgehend ruhig. Über eintausend Festnahmen werden landesweit bereits gezählt.

Police officers in riot gear return to their vehicles during disturbances in Birmingham
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Dafür verlagerten sich die Ausschreitungen in andere Städte. Am Rande der Unruhen wurden drei Männer in Birmingham mit einem Auto totgefahren.

Shooting in Tottenham Hale
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Mit massiver Gewalt brechen Randalierer in Geschäfte ein. Viele hundert Personen wurden in den vergangenen Nächten bereits festgenommen.

London riots spread
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Läden in London verkürzen ihre Öffnungszeiten, um sich vor den Randalierern zu schützen.

London Riots
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Zehntausend Polizisten wurden aus dem Umland geholt, um die Randalen in Teilen von London unter Kontrolle zu bringen.

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Nachdem die Polizei die Situation tagelang nicht in den Griff bekam, wollen hunderte Einwohner der britischen Hauptstadt ihre Straßen und Viertel nun selber beschützen.

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Jugendliche stehlen seelenruhig Elektro-Artikel aus einem Geschäft in Birmingham.

LondonVon den Bankentürmen in der Londoner City bis nach Tottenham im Norden der britischen Hauptstadt sind es gerade einmal zehn Kilometer. Doch zwischen beiden Stadtteilen liegen Welten. Trostlose Wohnblocks, Kinderarmut, hohe Arbeitslosigkeit - Tottenham ist ein sozialer Brennpunkt. Trotzdem - auf das, was in der Nacht von Samstag auf Sonntag dort geschah, war kaum jemand vorbereitet. Eine friedliche Demonstration verwandelte sich in einen plündernden Mob; Häuser, Busse und Autos brannten. Vermummte raubten systematisch ganze Ladenketten aus.

Gegen die brutale Realität in Tottenham wirkt die Furcht, die die Banker und Händler in der City umtreibt, seltsam surreal und abstrakt. Aber die konkrete Gewalt im Londoner Norden und die Furcht vor einem Crash an den Märkten haben mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick aussieht.

Neue Krawalle in London

Ganz am Anfang der großen Finanzkrise stehen die ökonomischen Ungleichgewichte in der Welt. Während das Wirtschaftswunder in den Schwellenländern wie China zu enormen Wohlfahrtsgewinnen und Ersparnissen führt, lebt der Westen über seine Verhältnisse und versucht, seinen Lebensstandard auf Pump zu erhalten. Doch spätestens, nachdem die alten Industrieländer riesige Summen für die Rettung ihrer Banken ausgeben mussten, ist klar, dass der Überziehungskredit aufgebraucht ist. Jetzt hilft nur noch eisernes Sparen, und das tut weh.

Wie weh, das bekommen die Briten gerade zu spüren. Das Land hat nicht nur die härteste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg hinter sich. Weil gleichzeitig die Inflation auf vier Prozent in die Höhe schoss, fielen die Reallöhne auf das Niveau von 2005 zurück. Mehr als sechs Jahre stagnierende Reallöhne hatte es auf der Insel zuletzt in den 1920er-Jahren gegeben. Obwohl das Wirtschaftswachstum quasi zum Stillstand gekommen ist, hält Finanzminister George Osborne eisern an seiner strengen Ausgabenkontrolle fest, weil er fürchtet, sonst das Vertrauen der Märkte zu verlieren.

Michael Maisch ist Korrespondent in London. Quelle: Pablo Castagnola

Michael Maisch ist Korrespondent in London.

(Foto: Pablo Castagnola)

80 Milliarden Pfund will der Konservative bis zum Ende der Legislaturperiode einsparen, um die Staatsschulden in den Griff zu bekommen. Fast eine halbe Million Stellen im öffentlichen Dienst fällt weg.

Die Sozialhilfe wird ebenso gekürzt wie das Kindergeld, und die Erhöhung der Mehrwertsteuer lässt den Briten deutlich weniger im Geldbeutel. Die Forscher des Centres for Economics and Business Research haben ausgerechnet, dass der britische Lebensstandard in Großbritannien in den vergangenen fünf Jahren 4,8 Prozent gefallen ist, und sie fürchten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.

"Die Spannung steigt wegen der harten Sparpolitik der Regierung, die Bevölkerung in den ärmeren Stadtteilen fühlt sich als Opfer", so begründete ein Bürger in Tottenham den Ausbruch der Gewalt. Für die westlichen Politiker dürfte es schwierig werden, die Erwartungen ihrer Wähler mit der harten ökonomischen Realität in Einklang zu bringen.

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  • Die deutschen Schlafmützen wissen noch garnicht ,daß
    die Lunte glimmt auf der sie sitzen oder liegen .

  • Wieviele offene Stellen gibt es in GB und wieviele Arbeitslose? Ich meine dabei nicht die offziell geschönten Zahlen, sondern die realistischen Zahlen. Manche Leute werden einfach nie begreifen, dass es einfach nicht mehr genug Arbeit für alle gibt. Ich bestreite nicht, dass viele gar nicht arbeiten wollen. Aber es ist nunmal Fakt: selbst wenn es so wäre, könnte man sie nicht bereitstellen. Bevor man sich also Gedanken über die Faulheit macht, sollte man sich die Frage stellen warum unser ganzes System solche Ergebnisse produziert.

    Natürlich hinterlässt so ein strukturelles Problem seine Spuren in einer Gesellschaft. Wenn man einen Job, eine Familie und ein sicheres Einkommen hat, zündet man keine Häuser an. Was für ein Leben muss man denn haben, um überhaupt auf die Idee zu kommen Häuser anzuzünden und seine Freiheit zu riskieren?

  • Die Menschen versuchen das kaputt zu machen was sie kaputt macht. Da ihnen keine finanziellenn Massenvernichtungswaffen zur Verfügung stehen benutzen sie was sie haben. Steine, Mülltonnen, Waffen, Feuer. Diese Handlungsweisen kann ich nicht gutheissen, aber verstehen.
    Die Menschen machen das, dass was ihnen die Elite vorgelebt hat. Der Stärker kriegt was er will. Sozialdarwinismus in seinem neokapitalistiscem Gewand ist die Schule die diese Kinder ohne Perspektive und richtige Werte entlassen hat.

  • Ihre Sicht der Ursachen teile ich. In einigen anderen Ländern findet sich Vergleichbares mit ähnlichen Wirkungen. Unsere Volkswirtschaft - insbesondere der starke Mittelstand - sind wesentlich besser aufgestellt. Wir müssen uns hüten, alle politische Aufmerksamkeit in der aktuellen Krise auf die Finanzbranche zu konzentrieren. Ungeachtet deren glücklicher oder glücklosen Bewältigung wird die Realwirtschaft den Kreislauf von Produktion und Konsumtion aufrecht erhalten. Dann wird man sich auch wieder auf die Funktionen des Geldes zurück besinnen - insbesondere als Tauschmittel (als Ersatz der gentilen Tauschwirtschaft). Wesentlich zur Krise hat beigetragen, dass Geld - über seine Funktionen hinaus - selbst zum Produktionsmittel geworden ist: Geld hat schließlich Geld produziert, ohne dabei Güter und Dienstleistungen zu schaffen. Aktuell spricht wenig für die Abkehr von dieser verhängnisvollen Fehlentwicklung.

  • Dem kann man nur zustimmen. Das sind Spass-Aufständige, die einfach Bock haben Bier zu saufen und Sachen kaputtzuschlagen. Das sich diese Leute aus Bevölkerungsschichten rekrutieren die einerseits arbeits- oder integrationsunwillig sind, andererseits aber auf staatliche Vollalimentierung bestehen ist nichts besonderes. Sowas haben wir in D mit der Antifa schon lange, in deutlich besser organisierter Form; nur dass das in den Medien kaum geüwrdigt wird.

  • Der Arbeiter -Aufstand in GB wird zu einem Flächenbrand .

    Die staatlichen Kürzungen werden immer den Schwächsten

    u. Ärmsten der Bürger treffen .

    Sollte Deutschland in die Pleite gehen , dann ist aber

    europaweit mit solchen Aufständen zu rechnen .

    Die Zeit bis es los geht ist nicht mehr lang .

    Auch die Deutschen Schlafmützen werden dann in den

    Aufstand gehen.

    Besonders die Großstädte werden von der Gewalt

    betroffen sein aber auch die Migranten werden sich

    entladen .

    Die Zeitbombe "EURO" wird alle ins Unglück stürzen !

    So wird es kommen .

  • Glückwunsch zu diesem Kommentar.

    Schöner kann man den Unterschied zwischen denjenigen die sich im alten System eingenistet haben und sich im Dauerstadium eines pubertierenden 15-jährigen Rotzlöffels befinden (mit entsprechender Lern- & Denkverweigerung) und jenen die ihr Bewußtsein und ihre Selbstreflektion auch nützen und auch mal über den Tellerrand schauen und versuchen größere Zuammenhänge zu erkennen und neue Wege zu finden und aufzuzeigen.

  • Die Gewalt in Großbritannien hat mit der Wirtschaft nichts zu tun. Die Gewalt wird nur von einer bestimmten Gruppe getrieben, der es Spaß macht. Das Hauptziel ist nur zu plündern und dabei im Genuss der neuesten Gegenstände zu kommen. Alles andere ist quatsch!

  • Wenn man in Deutschland so sparen würde, wie in England, dann würde Berlin brennen. Machen wir uns nichts vor...

  • Sag ich doch:

    "Willlst du eine Gesellschaft / Land ruinieren, dann gründe einen Sozialstaat oder erzieh die Kinder antiautoritär"

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