Kreditklemme lähmt Warenaustausch
G20 fürchten Einbruch des Welthandels

Die Finanzminister und Notenbankchefs der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer wollen bei ihrem Treffen an diesem Wochenende in London die letzten Hindernisse für eine umfassende Reform der Weltfinanzordnung aus dem Weg räumen. Dabei wächst bei den G20-Staaten die Sorge, dass die Debatte um zusätzliche konjunkturelle Maßnahmen die notwendigen Reparaturen an der Finanzarchitektur in den Hintergrund drängen könnte.

BERLIN/LONDON. Hintergrund sind die Forderungen der US-Regierung, die Anstrengungen zur Bewältigung der Finanzkrise weltweit zu verstärken.

Nach Informationen des Handelsblatts will sich Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) für deutliche Fortschritte bei der Regulierung der Finanzmärkte einsetzen. Aus Sicht der Bundesregierung hat die Umsetzung des G20-Aktionsplans zur Stabilisierung der internationalen Finanzmärkte oberste Priorität: "Von dem kommenden Treffen der G20-Finanzminister muss nun das Signal ausgehen: Der im vergangenen November beschlossene Aktionsplan wird konsequent umgesetzt", sagte Steinbrück. Die Teilnehmer müssten am Bekenntnis des Welt-Finanzgipfels zu einer umfassenden Regulierung der Finanzmärkte anknüpfen. Es gelte, das Ziel, dass kein Finanzmarkt, kein Finanzprodukt und kein Finanzmarktakteur in Zukunft mehr ohne entsprechende Aufsicht und Regulierung sein soll, mit konkretem Handeln zu füllen. Steinbrück will bei den Gesprächen die deutschen Forderungen nach Schaffung eines zentralen Kreditregisters und einer Risikolandkarte für die Finanzmärkte erneuern. Bisher hat es für diese Vorschläge im Kreis der G20-Finanzminister keine Mehrheit gegeben.

Als wichtigen Durchbruch für die weiteren Verhandlungen sehen die Finanzminister die beschlossene Erweiterung des Forums für Finanzmarktstabilität um wichtige Schwellenländer wie Russland, China und Indien. "Auf dieser Grundlage ist bei anderen Fragen der Finanzmarktregulierung leichter mit Zustimmung der Schwellenländer zu rechnen", hieß es in Regierungskreisen. Konkret wollen die Finanzminister offene Fragen bei der Verbesserung der internationalen Finanzaufsichtsgremien und dem Kampf gegen Steueroasen klären.

Sorgen bereiten ihnen zunehmend die Probleme bei der einbrechenden Finanzierung weltweiter Handelsströme. "Die Banken stellen kaum noch Handelskredite zur Verfügung", lautet die Analyse der G20. Beim Treffen in London wollen die Finanzminister nach Auswegen suchen. Nach Informationen des Handelsblatts aus Regierungskreisen soll geprüft werden, ob der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank das rückläufige Angebot an Handelskrediten ausgleichen können. Bundesfinanzminister Steinbrück plant unter anderem zu diesem Thema auch ein bilaterales Gespräch mit Weltbank-Präsident Robert Zoellick.

Nach Ansicht des britischen Finanzministers Alistair Darling haben drei Themen höchste Priorität für das G20-Treffen. Erstens müssten alle Länder alle Hebel nutzen, um die Nachfrage anzukurbeln, so der Finanzminister. Dazu zählten eine geldpolitische Lockerung, fiskalische Impulse und Maßnahmen zur Stabilisierung des Bankensystems. Vieles, was bereits beschlossen sei, müsse rascher umgesetzt werden. Zweitens müsse die G20 eine Reform des globalen Systems der Finanzaufsicht vereinbaren, die alle Märkte und Länder abdeckt sowie für mehr Transparenz sorgt. Zudem müssten die Frühwarnkapazitäten verbessert werden. Drittens gehe es um eine Reform der internationalen Finanzinstitutionen. Sie brauchten mehr Ressourcen und Instrumente, damit sie früher eingreifen und Krisen in wichtigen Ländern verhindern könnten.

In der G20 "sollten wir nicht vollständigen Konsens über Nacht erwarten", bemühte sich Darling, die Erwartungen zu dämpfen. Er bemühte sich auch, Konflikte zwischen den USA und Europa über das Ausmaß der Konjunkturpakete herunterzuspielen. "Die meisten Leute verstehen den Ernst der Lage und dass es in unser aller Interesse ist, gemeinsam zu handeln", sagte er. Die Sanierung der Banken und fiskalische Impulse zur Belebung der Wirtschaft müssten Hand in Hand gehen. "Einige Länder müssen auch rascher handeln, um die Probleme ihrer Banken zu lösen, sagte Darling.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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