Krieg in Afghanistan: Offensiven, Bomben, Attentate – Taliban auf dem Vormarsch

Krieg in Afghanistan
Offensiven, Bomben, Attentate – Taliban auf dem Vormarsch

Große Offensiven auf Städte und Bezirke in mindestens sechs afghanischen Provinzen, Bomben und Selbstmordattentate in vielen anderen – überall schlagen die Taliban derzeit zu. Sind ihre Reserven unerschöpflich?

Kabul„Stadt von Taliban umzingelt, Rakete 30 Meter von uns eingeschlagen“, melden die Ärzte der italienischen Klinik in Laschkargar, Südafghanistan, am 9. Oktober per Twitter. Nur wenige Hundert Meter entfernt stehen die Taliban und wollen hinein in eine der größten Städte Afghanistans - eine unwirkliche Szenerie, vor allem nach der betont optimistischen großen Afghanistankonferenz in Brüssel vor nur zwei Wochen. Seitdem gehen die Kämpfe ununterbrochen weiter. Mörser landen vor dem Gouverneurspalast. Alle Flüge sind abgesagt. Laschkargar ist abgeschnitten.

Vor 15 Jahren ist die internationale Gemeinschaft in Afghanistan einmarschiert, um das Talibanregime zu beenden. Noch Ende 2014, vor Abzug der meisten internationalen Truppen, war die Hoffnung groß, dass die Afghanen in der Lage sein würden, die Taliban in Schach zu halten. Heute haben die Taliban laut Nato wieder rund 30.000 Kämpfer und stehen vor mindestens fünf Provinzhauptstädten.

In zwei - die der Nordprovinz Kundus, Anfang Oktober, und der Südprovinz Urusgan, Mitte September - haben sie es kurz schon hineingeschafft und Zehntausende Bewohner in Panik versetzt. Viele haben ein paar Habseligkeiten gepackt und sich auf den Weg gemacht - nur weg. 400.000 Afghanen, schätzen die UN, werden bis zum Ende des Jahres in ihrem eigenen Land auf der Flucht sein.

Ein Grund für die nicht enden wollende Folge von Anschlägen und Angriffen auf Bezirks- und Provinzzentren im Herbst 2016 ist, so glauben einige Experten, die Tatsache, dass die Taliban es eben nicht geschafft haben, in diesem Jahr eine Provinzhauptstadt einzunehmen. Das hatten sie zu Beginn der Kampfsaison noch angekündigt. „Die Taliban wissen auch, dass sie das Land militärisch letztlich nicht gewinnen können. Eine Stadt oder Provinz zu regieren, würde ihnen die Grundlage geben, zu behaupten, dass sie eine funktionierende politische Alternative darstellen“, sagt der Leiter Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan, Alexey Yusupov.

Die britische Zeitung „Guardian“ berichtet am Dienstag, dass nach langer Pause Taliban und afghanische Regierung wieder Gespräche geführt hätten. Möglicherweise, sagt ein UN-Mitarbeiter, sei das auf die Erkenntnis der Taliban zurückzuführen, dass sie selbst nach einer so heftigen Kampfsaison militärisch nicht so viel weiter gekommen seien.

Andererseits, sagen Sicherheitsexperten, haben die Taliban die Zeit seit dem Abzug der internationalen Truppen genutzt, um sich zu professionalisieren. Schon vor einem Jahr war in einem Bericht des UN-Sicherheitsrats von „bedeutend besserer Qualität der strategischen Planung und besserer taktischer Umsetzung“ die Rede. Das Rechercheinstitut Afghanistan Analysts Network berichtet im März 2016 von neuen Taliban-Spezialeinheiten: den gut ausgerüsteten und trainierten, mobilen „Sra Qet'a“-Gruppen (in Paschto „Rote Einheiten“), die unter anderem Scharfschützen in ihren Reihen haben.

Wo die Mittel für den nun fast unablässigen Kampf und die jüngst oft simultanen Offensiven herkommen, wird nicht ganz klar. Zum einen diversifizieren die Islamisten offenbar recht geschickt ihre Einkommensquellen und haben - so berichtete jüngst unter anderem die Menschenrechtsorganisation Global Witness - Lapislazuli-, Talkum- und Goldminen unter ihre Kontrolle gebracht. Außerdem mischen sie im illegalen Marmor- und Holzhandel mit. Aber vor allem weitet sich eine Haupteinkommensquelle aus: die Drogen.

Mittlerweile kontrollieren die Taliban 85 Prozent von Helmand - Herz der milliardenschweren afghanischen Opiumindustrie. Bisher haben sie vor allem Steuern erhoben, auf Anbau und Transport. 500 Million Dollar (rund 454 Millionen Euro) sollen sie 2015 so verdient haben. Der Operationsleiter der Antidrogen-Polizei, Abdul Bakhtiar nimmt aber an, „dass sie mit mehr territorialer Kontrolle tiefer einsteigen - zum Beispiel in die Heroin-Produktion“.

Rein „kriegstechnisch“ sehen Sicherheitsexperten ein Patt. Sowohl Taliban als auch die afghanische Armee könnten ihre Verluste durch Rekrutierung gerade so wieder auffangen, sagt ein hochrangiger Offizier der Bundeswehr in Afghanistan. Viele von Taliban eroberte Gebiete würden von Sicherheitskräften schnell wieder zurückerobert. Aber die intensivierten Guerilla-Angriffe an vielen Fronten, der „Krieg der Zermürbung“, den die Taliban schon zu Beginn ihrer Frühjahrsoffensive angekündigt hatten, wirkt.

Das spiele mit hinein, dass die Taliban „ihre Propaganda-Kampagnen in den sozialen Medien stark ausgeweitet haben“, sagt der Sprecher der Nato in Afghanistan, General Charles Cleveland. „Es ist definitiv eine weitere Herausforderung, mit der die Streitkräfte zu kämpfen haben.“ Die Moral der Streitkräfte ist schlecht. Die „New York Times“ berichtet Mitte Oktober, dass zwischen März und August 4500 Soldaten und Polizisten getötet wurden. Mehr als 8000 wurden verwundet. Ein neuer Rekord.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
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