Krieg in Gaza
Die Tunnel der Angst

Israel will den Krieg nicht beenden, solange die Tunnel unter Gazas Grenzen existieren. Doch die Enklave kann auf die bizarre Unterwelt nicht verzichten. Auch wenn die Hamas durch die Gänge nicht nur Schafe schmuggelt.

Kairo„Wir werden den Einsatz nicht beenden, bevor wir die Tunnel zerstört haben.“ Es ist Israels Premier Benjamin Netanjahu, der das am Montag noch einmal bekräftigt. „Die israelischen Bürger können nicht unter der Bedrohung durch Raketen und Tunnel leben – unter Todesdrohung von oben und von unten.“ Und so geht das Bombardement weiter. Eines der wichtigsten Ziele: das Tunnelsystem. Doch Gaza kann auf die Tunnel nicht verzichten. Denn das Gebiet ist auf dem Globus ohne Beispiel.

1,8 Millionen Menschen sind hier zusammengepfercht, abgeschnürt vom Rest der Welt durch Betonmauern und Megazäune. Die Enklave hat keinen Hafen und keinen Flughafen. Alle Grenzübergänge sind seit Jahren fest verriegelt. Menschenrechte wie Freizügigkeit und Reisefreiheit existieren nicht im Leben der Eingeschlossenen, für die der Ausnahmezustand Normalität ist. 60 Prozent sind arbeitslos und total verarmt, die seit 2007 von Israel und Ägypten gemeinsam verhängte Blockade stranguliert die Wirtschaft. Das ist der Grund, weshalb sich mit den den Jahren entlang der Gaza-Grenzen eine bizarre Unterwelt entwickelt hat aus nahezu zweittausend Tunneln, die Mehrzahl kommerziell, eine Minderzahl militärisch. Die Wirtschaftstunnel liegen an der Grenze zu Ägypten, die Militärtunnel überwiegend an der Grenze zu Israel.

Die 1800 Schmuggelröhren mit Ägypten verlaufen überwiegend unter Rafah, der geteilten Grenzstadt. Selbst Schafe, Kühe und komplette Autos fanden unter Tage den Weg in den Küstenstreifen, durch Tunnel, die aus aneinander geschweißten Frachtcontainern bestanden. Hosni Mubarak hatte die unterirdischen Transporteure seit dem Massenausbruch verzweifelter Gaza-Bewohner Anfang 2008 gewähren lassen. Sein Nachfolger Mohammed Mursi erklärte sich sogar bereit, den überirdischen Grenzübergang erstmals seit Jahren wieder für den Reiseverkehr zu öffnen. Doch seit dem Sturz des Muslimbruders im Sommer 2013 sind die Zeiten vorbei, als es überall in Rafah nach Diesel roch und sich in den Gassen hochbeladene Pickups tummelten.

Der neue starke Mann am Nil, Präsident Abdel Fattah al-Sissi, ließ sämtliche Stollen sprengen. Der unterirdische Warenverkehr brach zusammen, das einträgliche Schmuggelgeschäft, von dem nicht nur die Beduinenclans auf dem Sinai, sondern auch die Hamas-Regierung über Tunnelsteuern profitierte, existiert nicht mehr.

Auch der oberirdische Grenzübergang war im vergangenen halben Jahr lediglich an 17 Tagen offen. Sogar während des israelischen Dauerbombardements ließen die Ägypter – anders als Libanon, Türkei und Jordanien im syrischen Bürgerkrieg – praktisch keine Flüchtlinge durch. Lediglich einige Dutzend Schwerverletzte durften in Rafah passieren, 800 Palästinenser mit ägyptischen oder ausländischen Pässen ebenfalls. Selbst Ehepartner mit palästinensischen Papieren wurden abgewiesen und von ihren Familien getrennt.

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