Krieg in Gaza
„Sind wir keine Menschen?“

Kein Wasser, kein Strom – dafür Gewalt. Die Situation im Gaza-Streifen zerreißt den Palästinenser Abed Schokry. „In mir kocht es“, sagt er im Interview. Und spricht über den Hass, der alles nur noch schlimmer macht.

Düsseldorf/Gaza17 Jahre lebte der Palästinenser Abed Schokry (42) in Deutschland, promovierte an der TU Berlin in Ingenieurswissenschaften. Hier heiratete er seine Frau Schirin, zwei seiner vier Kinder wurden in der Zeit geboren. Vor sieben Jahren kehrte das Paar zurück in ihre Heimat – den Gaza-Streifen. Nur mit Handgepäck überquerten sie die Grenze. Heute ist er Assistant Professor an der Uni von Gaza im Fachbereich Industrial Engineering.

Nun erlebt Abed Schokry bereits den dritten Krieg seines Landes gegen Israel. Im Interview mit Handelsblatt Online berichtet er von den menschenunwürdigen Bedingungen, in denen er und seine Familie seit dem Gegenangriff der israelischen Armee leben. Dr. Abed Schokry hat seitdem viel Leid gesehen – die Hoffnung gibt er aber noch nicht auf.

Herr Schokry, Sie haben bereits die Angriffe 2009 und 2012 auf den Gaza-Streifen vor Ort erlebt. Ist der aktuelle Konflikt damit noch vergleichbar?
Abed Schokry: Das Ausmaß ist schlimmer als 2008/2009, damals hatten vier oder fünf Familien Tote zu beklagen. Heute sind es circa 50. Es hat Ausmaße erreicht, die ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind.
Ich bin durch Gaza-Stadt gefahren und habe die Zerstörung mit eigenen Augen gesehen. Mein Eindruck ist, dass Israel so viel zerstören wollte wie möglich. Die Zahl der getöteten Zivilisten ist auf mehr als 1000 gestiegen. Fast 90 Prozent davon sind Kinder, Frauen und alte Männer. Das waren Menschen, die zufällig vorbeigefahren und deshalb umgekommen sind. Ich weiß, dass es auch auf der anderen Seite Verletzte gibt. Aber ich kann nur das wiedergeben, was ich selbst gesehen habe.

Wie hat ihre Familie die Angriffe erlebt?
Das Grundstück meiner Eltern wurde zerstört. Das Haus meiner Schwiegereltern lag neben einem sogenannten „Zielhaus“, durch eine Bombardierung dessen ist auch dies unbewohnbar geworden. Im Haus war auch der Laden meiner Schwiegereltern. Alles zerstört. Um das Haus meiner Familie herum sind eine Reihe zerstörter Häuser, wir sind aber bisher zum Glück verschont geblieben. Dennoch: Wir haben kaum Trinkwasser, wir haben kein Wasser um die Teller abzuwaschen. Wir haben nicht einmal Wasser für die Klospülung. Jeden Tag haben wir nur für ein paar Stunden Strom – wenn überhaupt. Die Situation ist katastrophal. Aber so viele Menschen sind gestorben, verschüttet unter ihren eigenen Häusern. So viele haben geliebte Angehörige verloren. Wenn ich das bedenke, schäme ich mich für meine Probleme.

Sie haben selbst eine lange Zeit in Deutschland gelebt. Auch hier demonstrieren tausende Menschen, um die Bevölkerung des Gaza-Streifens zu unterstützen. Wie bekommen Sie das mit?
Die Demonstrationen richten sich nicht gegen den Staat Israel, sondern gegen die Politik des Staates Israel. Eine Politik, die auf Apartheid beruht, die uns als Palästinenser nicht akzeptiert. Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun, diesen Fehler sollte man nicht machen. Die Leute in Deutschland unterstützen uns, weil die Machthaber Israels uns ungerecht behandeln. Vor den Demonstranten ziehe ich meinen Hut, weil sie nicht schweigen. Sie setzen sich für die Einhaltung der Menschenrechte ein. Sie sind gegen die Besatzung, gegen die Apartheid. Der Großteil dieser Demonstranten ist nicht gegen Israel, sondern gegen die israelische Politik. Das ist ihr gutes Recht. Ich weiß, dass Deutschland durch seine Geschichte Zweifel hat, wie es sich nun gegenüber Israel verhalten soll. Aber frei seine Meinung zu sagen, das muss erlaubt sein. Daher bin ich froh über die Kundgebungen.

Glauben Sie, dass Deutschland durch sein Handeln in den Konflikt eingreifen könnte?
Ich habe hohe Erwartungen an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie war ja erst vor kurzem in China und hat die Menschenrechtsprobleme angesprochen. Nur was ist dann mit unseren Menschenrechten hier in Gaza? Sind wir keine Menschen? Menschen unterer Klasse? Die Israelis sind keine besseren Menschen als wir. Ja, ich glaube, dass Deutschland uns helfen könnte.

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