Krieg in Libyen
Gaddafis Palast wird geplündert

Gaddafis Herrschaft liegt in Trümmern. Nach heftigen Gefechten haben die Rebellen seine Residenz gestürmt. Im Freudentaumel schleppen sie Waffen weg und fallen über die Symbole Gaddafis her. Doch wo ist der Diktator?
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Tripolis/Kairo/Berlin/Brüssel/Zagreb/Bengasi/IstanbulDie Aufständischen in Libyen sind nach Informationen des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira und der Nachrichtenagentur Reuters in die Residenz von Muammar al-Gaddafi in Tripolis eingedrungen. Die Agentur AP meldet "hunderte Rebellen" hätten die Residenz gestürmt. Im Fernsehprogramm der Rebellen wurde berichtet, es sei bereits gelungen auf Gaddafis Bastion eine Flagge zu hissen.

Bei der Erstürmung der mit hohen Mauern befestigten und mehreren Toren versehenen Anlage Bab al-Asisija seien zwölf Aufständische getötet worden. Die Rebellen innerhalb der Residenz feierten nach Angaben des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira den Sturm der Gaddafi-Residenz mit Freudenschüssen und riefen: „Gott ist groß“. Auf Live-Bildern von Al-Dschasira war zu sehen, wie Kämpfer ein Denkmal umzustürzen, das eine goldene Hand zeigt, die ein Flugzeug zermalmt. Das Denkmal erinnert an die Bombardierung der Gaddafi-Residenz durch die USA in den 80er Jahren.

Zuvor war über heftige Gefechte rund um die riesige Anlage Bab al-Asisija berichtet worden, in der sich die Residenz befindet. Rebellen vermuten Gaddafi in einem Bunkerkomplex in der Anlage. Beobachter vermuten jedoch auch, dass er durch das Bunker- und Tunnelsystem geflüchtet sein könnte. Nach Angaben eines engen russischen Vertrauten ist Gaddafi noch in der Hauptstadt Tripolis. Der Vorsitzende des Weltschachbundes FIDE, Kirsan Iljumschinow, sagte in einem Interview der russischen Nachrichtenagentur Interfax, er habe am Dienstag mit Gaddafi telefoniert. Ein Sprecher des amerikanischen Verteidigungsministeriums hatte zuvor gesagt, die USA gingen davon aus, dass Gaddafi noch in Libyen sei.

Der britische Sender BBC berichtete von Gefechten auch in anderen Stadtteilen. Unter anderem seien Explosionen und Schießereien in der Nähe des Hotels Rixos zu hören, in dem etwa 30 westliche Journalisten untergebracht sind. Laut Nachrichtenagentur AFP wurde das Gebäude von einer Explosion in der Nähe erschüttert.

Die humanitäre Lage in der umkämpften Stadt spitzt sich derweil nach Angaben der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen zu. „Einigen Krankenhäusern sind lebensrettende Medikamente und medizinisches Material ausgegangen“, teilte Nothilfekoordinator Jonathan Whittal am Dienstag mit. „Es gibt Probleme mit der Stromversorgung und zu wenig Treibstoff für Krankenwagen und wichtige medizinische Geräte.“ Die Kämpfe in der Stadt erhöhten den Druck auf die medizinischen Einrichtungen.  

In den Krankenhäusern in Jafran und Al-Sawija südwestlich von Tripolis seien in den vergangenen Tagen deutlich mehr Verwundete eingeliefert worden, berichtete die Organisation weiter. In Misrata versorgten die Teams von Ärzte ohne Grenzen auch die Menschen in den Gefängnissen. In Bengasi würden Mitarbeiter und Patienten auch psychologisch betreut.

Aus Slitan seien nach Kämpfen Ende der Woche Verwundete ins Krankenhaus von Misrata gebracht worden. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist nach eigenen Angaben seit dem 25. Februar mit 44 libyschen Angestellten und 30 internationalen Mitarbeitern in Libyen im Einsatz. Whittal befindet sich seit Anfang August in der libyschen Hauptstadt.  

Während das Gaddafi-Regime in Tripolis geschlagen scheint, ist Libyens Zukunft weiter ungewiss. Die Botschafter der EU-Länder kommen am Dienstagnachmittag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Dabei wollten sie der Bevölkerung Hilfe für den Wiederaufbau und die Demokratisierung nach dem Ende des Gaddafi-Regimes zusichern, verlautete vorab aus Diplomatenkreisen.    

Zugleich wurde ein Aufruf an die Rebellen erwartet, in der Umbruchphase keine Rache an Anhängern Muammar al Gaddafis zu nehmen und die Menschenrechte zu wahren. Auch innerhalb der Rebellen soll es nach Angaben von DPA zu Gefechten gekommen sein. Angeblich bekamen sich die Rebellen in die Haare, als es darum ging, wer zuerst den internationalen Flughafen von Tripolis und den Militärflughafen Mitiga einnehmen darf. Das macht auch die Äußerung des Vorsitzenden des nationalen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil verständlich, der die Rebellen in scharfem Ton zur Ordnung gerufen und mit Rücktritt gedroht hatte.

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Kommentare zu " Krieg in Libyen: Gaddafis Palast wird geplündert"

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  • Und was paßt zum arabischen Temperament? Ein "Chef", der am Kabinettstisch eigenhändig seinen Minister erschießt?
    Na, wenns paßt, mir solls egal sein. Jedem Volke seine Sitten.

  • Demokratie passt nicht zum arabischen Temperament, scheint's...

  • Interessant, und in den "befreiten Ländern" wie Irak und Afghanistan, Ägypten und Tunesien ist alles prima. Warum sterben dort jetzt mehr Menschen als vorher, und warum flüchten so viele? Die aufgezwungene Demokratie ist doch so super!

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