Krieg in Nahost
Frankreich spielt ein eigenes Spiel

Der militärische Konflikt zwischen Israel und dem Libanon hat die französische Regierung in Alarmzustand versetzt. Frankreich müsse gemeinsam mit seinen Partnern ein „Maximum“ leisten, um die Gewalt im Libanon zu stoppen und dem Land humanitär zu helfen, sagte Staatspräsident Jacques Chirac am gestrigen Dienstag in Paris.

PARIS. Unmittelbar zuvor war Premierminister Dominique de Villepin von einem Blitzbesuch in Beirut zurückgekehrt und hatte dem Staatspräsidenten von einer „sehr ernsten“ Lage in der libanesischen Hauptstadt berichtet. Die hektischen diplomatischen Aktivitäten sind darauf zurückzuführen, dass sich Frankreich traditionell als Schutzmacht des Libanon betrachtet. Schon an der Gründung des Zedernstaates im Jahr 1946 war Frankreich maßgeblich beteiligt und blieb seither der wichtigste politische und wirtschaftliche Partner des kleinen Mittelmeerlandes in Europa. Daraus resultiert eine enge Verflechtung der Eliten beider Länder. Manager mit libanesischem Hintergrund haben es in der französischen Wirtschaft teilweise weit gebracht. Ein Beispiel ist Renault-Chef Carlos Ghosn. Umgekehrt leben derzeit rund 14 000 Franzosen im Libanon. Französisch ist zudem die mit Abstand wichtigste Fremdsprache im Libanon, etwa die Hälfte der libanesischen Bevölkerung beherrscht die Sprache Voltaires.

Das enge Verhältnis Frankreichs zum Libanon ist eine Erklärung dafür, dass die politische Klasse in Paris die militärischen Aktionen Israels im Libanon mit einem gewissen Misstrauen beäugt. Offene Kritik an Israel kommt zwar von keinem führenden Politiker Frankreichs. Israel habe das Recht darauf, sich gegen die Aggressionen der Hisbollah, die von libanesischem Boden ausgehen, zu verteidigen, verkündeten Regierung und Opposition unisono. Innenminister Nicolas Sarkozy warnte Israel aber zugleich vor einem übertrieben harten Vorgehen gegen das Nachbarland. Israel müsse bei seiner militärischen Antwort „Maß halten und Zivilisten verschonen“, sagte Sarkozy, der voraussichtlich als konservativer Spitzenkandidat in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen wird.

Falls sich die Kampfhandlungen im Libanon noch lange fortsetzen, hätte das nicht nur für das Land selbst, sondern auch für Frankreich unangenehme wirtschaftliche Konsequenzen. Denn mit Lieferungen im Wert von 644 Mill. Euro im vergangenen Jahr ist Frankreich weiterhin der wichtigste Handelspartner des Libanon. Der Zedernstaat ist für französische Unternehmen zudem seit dem Ende des Bürgerkrieges vor 15 Jahren ein wichtiger Investitionsstandort. Frankreich wirkte maßgeblich am Wiederaufbau des damals völlig zerstörten Landes mit. Noch 2003 flossen 451 Mill. Euro Direktinvestitionen aus Frankreich in das Nachbarland Israels.

Insgesamt 88 französische Unternehmen sind im Libanon präsent. Sie beschäftigen rund 5 000 Mitarbeiter, die meisten davon Libanesen. Besonders interessant ist der Standort für die Banken Société Générale und BNP Paribas, die beide Filialnetze im Libanon unterhalten. Im Land aktiv sind auch die Versicherung Axa sowie der Kosmetikkonzern L’Oreal, der Medien- und Telekomkonzern Vivendi und die Ölgesellschaft Total. Auf die angespannte Lage reagieren die Unternehmen unterschiedlich. Einige haben ihre französischen Mitarbeiter bereits nach Hause geholt, andere warten damit noch ab. Die Banken schlossen einige Filialen in den von Angriffen betroffenen Stadtteilen Beiruts. Ansonsten bemühten sich die meisten Unternehmen darum, normal weiterzuarbeiten.

Frankreich bereitet sich unterdessen militärisch darauf vor, im Notfall alle seine Staatsbürger aus dem Libanon zu evakuieren. Bereits am Montag entsandte die Regierung in Paris dafür zwei Kriegsschiffe und sechs Helikopter in die Region. Insgesamt sollen sich im Libanon derzeit etwa 20 000 Franzosen aufhalten, rund 5 000 Touristen mit eingerechnet.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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