Krieg in Nahost
Zypern, ein einziges Flüchtlingslager

Kaum ein Land ist vom Krieg im Libanon so betroffen wie Zypern. Zehntausende europäische und amerikanische Flüchtlinge sind auf der Mittelmeer-Insel gestrandet. Sie können gerade so mit dem Nötigsten versorgt werden. Doch nun droht ein Ansturm von Asiaten und Afrikanern. Wohin mit all den Menschen?

NIKOSIA/BRÜSSEL. Der Strom der Flüchtlinge aus dem Libanon nach Zypern reißt nicht ab. Mehr als 35 000 Menschen sind bereits auf die Insel geflohen, rund 23 000 von ihnen wurden bislang in Drittländer ausgeflogen. Der Weitertransport der Flüchtlinge verzögert sich jedoch, weil die Flughäfen von Larnaka und Paphos überlastet sind und nicht genügend Flugkapazitäten zur Verfügung stehen. Die Europäische Union fürchtet, weitere Flüchtlingsströme könnten das EU-Mitglied überfordern.

Die Mittelmeerinsel ist wichtigste Durchgangsstation für die größte Evakuierungsaktion seit dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem die EU-Staaten, die USA, Kanada und Australien inzwischen die meisten ihrer Landsleute aus dem Libanon über Zypern in Sicherheit gebracht haben, erwarten die Behörden nun den Ansturm zehntausender Asiaten und Afrikanern aus dem Libanon. Dort leben etwa 170 000 Arbeitnehmer aus Sri Lanka, Bangladesch, den Philippinen und Äthiopien.

In einem vertraulichen Lagebericht des EU-Ministerrats vom Montag heißt es, bei einer Blockade des Fluchtweges nach Syrien könnten diese Menschen nach Zypern drängen. Dies werfe die Frage des Umgangs mit einem großen Zustrom von Nicht-Europäern in das EU-Land Zypern auf, heißt es in dem Papier. Eine systematische Evakuierung von Nicht-EU-Bürgern über den Seekorridor nach Zypern werde derzeit wegen der europäischen Einwanderungsbestimmungen und aus logistischen Gründen als nicht machbar angesehen. „Zypern erlebt ein ernstes Logistik-Problem“, heißt es in dem Brüsseler Bericht.

Keine „Flüchtlings-Verteilung“

Die Bundesregierung hat sich gegen eine Verteilung von Libanon-Flüchtlingen aus Nicht-EU-Staaten auf die Europäische Union ausgesprochen. Das Problem der in Zypern ankommenden Flüchtlinge müsse man vor Ort lösen, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, Peter Altmaier, am Montag am Rande einer Sitzung der EU-Innenminister in Brüssel. Bei der Bewältigung der Situation habe Zypern Anspruch auf technische und personelle Unterstützung durch andere EU-Staaten. Altmaier sprach auch von finanzieller Unterstützung, ohne jedoch Details zu nennen. Die Regierung Zyperns schätze, dass die vor israelischem Beschluss fliehenden Menschen die Mittelmeerinsel bis zu ein Prozent ihres Bruttosozialproduktes kosten könnten. Auch könne man Zypern mit Experten helfen.

Die Erfahrung mit Flüchtlingen aus dem Kosovo-Krieg habe gezeigt, dass eine Verteilung der Menschen über ganz Europa nicht sinnvoll sei, sagte Altmaier. Sie müssten so nahe wie möglich am Heimatland betreut werden.

Alleine am Montag 10 000 Neuankömmlinge

Am Montag trafen an Bord von 15 Autofähren, Kriegs- und Kreuzfahrtschiffen etwa weitere 10 000 erschöpfte und verängstigte Menschen aus dem Libanon in den zyprischen Häfen Larnaka und Limassol ein. Großbritannien, das in den vergangenen Tagen zwei Kriegsschiffe der Royal Navy zwischen Beirut und Larnaka pendeln ließ, hat mit der Rückführung von etwa 5 000 Staatsangehörigen die Evakuierungen am Montag abgeschlossen. Die Briten wurden überwiegend vom Luftwaffenstützpunkt Akrotiri ausgeflogen. Frankreich will die Flüchtlingstransporte die ganze Woche hindurch fortsetzen. „Wir haben bisher etwa 5 000 Menschen in Sicherheit gebracht und weitere 9 000 warten darauf“, sagte die französische Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie bei einem Besuch in Larnaca.

Die USA haben bisher nach Angaben des Pentagon mehr als 10 000 ihrer Staatsbürger aus dem Libanon herausgeholt, davon rund 7 000 über Zypern, wo am Montag an Bord der „USS Nashville“ weitere 1 800 Flüchtlinge eintrafen. Ein US-Sprecher in Zypern appellierte an die noch im Libanon verbliebenen Amerikaner, das Land zu verlassen. Wie lange die Evakuierungen weitergehen, ließ er offen, die Aktion werde aber „definitiv heruntergefahren“. Mehr als 1 000 US-Bürger warteten am Montag in einem Durchgangslager auf dem Messegelände von Nikosia darauf, ausgeflogen zu werden. Andere Flüchtlinge sind provisorisch in Schulen und Sporthallen untergebracht, wo sie das Rote Kreuz mit Getränken und Mahlzeiten versorgt.

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