Kriegsausbruch
Debatte in Polen überschattet Kriegsgedenken

Mit einem Appell gegen das Vergessen und gegen Geschichts-Umdeutungen haben führende Politiker Europas auf der Westerplatte beim polnischen Danzig des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren gedacht.

BERLIN. Politiker riefen zur Aussöhnung und zu einem noch stärker vereinten Europa als Lehre aus den schlimmsten Schlachten der Menschheitsgeschichte auf.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte bei der Gedenkveranstaltung auf der Westerplatte, sie verneige sich vor den Opfern des Zweiten Weltkrieges, und dankte der polnischen Staatsführung, dass sie als Regierungschefin Deutschlands zu den Feierlichkeiten eingeladen worden sei. Das sei "ein Zeichen der vertrauensvollen Nachbarschaft", so die Kanzlerin. "Ich gedenke der vielen Millionen Menschen, die ihr Leben im Kampf und im Widerstand gegen Deutschland lassen mussten", sagte Merkel und bekannte sich uneingeschränkt zur deutschen Verantwortung für Weltkrieg und Holocaust. Es sei "ein Wunder, eine Gnade, dass wir Europäer heute in Frieden zusammenleben".

Am 1. September 1939 hatte Hitler-Deutschland Polen angegriffen und damit den Kontinent in den schlimmsten Krieg aller Zeiten gestürzt, dem 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Im Hinblick auf das zwischen Deutschland und Polen umstrittene Thema der Vertreibung versicherte Merkel, Deutschland wolle seine Verantwortung nicht relativieren. Wenn an das Schicksal der Deutschen gedacht werde, die infolge des Krieges ihre Heimat verloren hätten, "dann tun wir das, ohne irgendetwas an der immerwährenden geschichtlichen Verantwortung Deutschlands umschreiben zu wollen. Das wird niemals geschehen", sagte die in Schwarz gekleidete Kanzlerin.

Polens Premierminister Donald Tusk hatte zuvor gemahnt, die Schrecken des Krieges niemals zu vergessen. Zugleich rief er in ergreifenden Worten zur Aussöhnung auf, zu mehr Integration in Europa und der Lehre, dass nie wieder kleine und vermeintlich schwächere Völker zu Opfern werden dürften. Tusk vereinbarte als Signal zu einer weiteren Annäherung an Russland eine gemeinsame Historiker-Kommission, die die gerade wiederaufgeflammten Konflikte über die Deutung der Ursachen des Krieges ausräumen soll. Polens Präsident Lech Kaczynski hatte gestern Moskau vorgeworfen, Polen mit dem Hitler-Stalin-Pakt einen "Messerstich in den Rücken" versetzt zu haben durch den Einmarsch in Ostpolen wenige Tage nach dem Angriff der Wehrmacht. Zudem zog er eine Parallele zwischen dem Holocaust und der Ermordung polnischer Offiziere durch die Rote Armee in Katyn.

Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin wies diese Sichtweise zurück. Am selben Tag allerdings wiederholte der russische Auslandsgeheimdienst seine Behauptung, Polen trage Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Unterdessen bemühte sich Putin bei seinem Treffen mit Tusk um eine engere politische Kooperation mit seinem Nachbarland. Er wolle eine "neue Phase der Zusammenarbeit mit Polen" und die jahrelang belasteten bilateralen Beziehungen von den Problemen der Vergangenheit befreien. Tusk begrüßte dies und versprach seinerseits eine engere Kooperation mit Russland. Als Zeichen dafür sollten Unternehmen beider Länder nun zügig Gaslieferverträge vereinbaren. Russische Gaslieferungen nach Europa und die Ostsee-Pipeline waren jahrelang von Polen forcierte Streitpunkte in der EU.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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