Kriegsverbrecher
Karadzic verlangt mehr Zeit für Verteidigung

Der frühere bosnisch-serbische Präsident Radovan Karadzic ist erstmals vor dem Uno-Kriegsverbrechertribunal erschienen, nun verlangt er erneut mehr Zeit für die Vorbereitung seiner Verteidigung - Einsicht oder Kooperation ist von dem Kriegsverbrecher jedoch nicht zu erwarten.
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HB DEN HAAG. Mehr als eine Woche nach Beginn seines Prozesses hat Radovan Karadzic erstmals an einer Anhörung vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag teilgenommen. Die ersten drei Tage des Verfahrens hatte er boykottiert. Der 64-Jährige wurde bereits 1995 angeklagt und sitzt seit 14 Monaten in Haft. Das Gericht hat ihm mit der Bestellung eines Pflichtverteidigers gedroht.

Der wegen Völkermordes angeklagte frühere Serbenführer hat seine Richter aufgefordert, den Prozess zu unterbrechen und ihm mehr Zeit für die Vorbereitung seiner Vereidigung zu geben. Sollte er nicht weitere zehn Monate zur Vorbereitung seiner Verteidigung bekommen, werde er dem Prozess erneut fernbleiben, erklärte Karadzic am Dienstag. „Ich will dieses Verfahren nicht boykottieren, aber ich kann nicht an etwas teilnehmen, was von Anfang an schlecht ist“, sagte er und fügte hinzu: „Ich wäre wirklich ein Verbrecher, wenn ich diese Bedingungen akzeptieren würde.“ Der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon widersprach Karadzic. Er habe genug Zeit für die Vorbereitung bekommen. Zudem sei es Sache des Gerichtes und nicht des Angeklagten zu entscheiden, wann ein Verfahren reif für die Eröffnung eines Prozesses ist.

Die Anklagevertretung appellierte an das Gericht, Karadzic' Forderungen nicht zu erfüllen. Zugleich bot die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff einen Kompromiss an. Falls Karadzic am Prozess teilnehmen und mit seiner Verteidigung beginnen würde, könne ihm erlaubt werden, später mehr Zeit in Anspruch zu nehmen und zusätzliche Argumente vorzubringen. Sollte er dazu nicht bereit sein, müsse das Gericht ihm das Recht aberkennen, sich selbst zu verteidigen und einen Pflichtanwalt einsetzen. Dann könne der Prozess auch ohne den Angeklagten weitergehen. Gleichzeitig drohte sie mit einer härteren Gangart. Der Angeklagte könne notfalls auch mit Gewalt in den Gerichtssaal gezwungen werden, sollte er sich erneut weigern, persönlich vor dem Richter zu erscheinen.

Parallel dazu geht die Suche nach Karadzics Mittäter Ratko Mladic weiter. Jeder zweite Serbe ist einer Umfrage zufolge jedoch gegen die Festnahme des wegen Kriegsverbrechen gesuchten Mannes. Etwa 51 Prozent sprachen sich gegen die Festnahme des früheren bosnisch-serbischen Generals und die Auslieferung an das UN-Kriegsverbrechertribunal aus, wie der für die Suche nach Mladic zuständige Regierungsvertreter Rasim Ljajic am Dienstag in Belgrad erklärte. Nur etwa ein Viertel (26 Prozent) sind demnach für Mladics Festnahme - vor einem Jahr waren es noch 50 Prozent. Grund für die sinkende Unterstützung sei der anhaltende internationale Druck auf Serbien auch nach der Festnahme Karadzic' im vergangenen Jahr, sagte Ljajic.

Mladic wurde 1995 vom UN-Tribunal in Den Haag wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt. Er wird unter anderem für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, dem im Juli 1995 rund 8.000 muslimische Männer und Jungen zum Opfer fielen. Die serbische Regierung beteuert, seinen Aufenthaltsort nicht zu kennen.

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