Krim-Tataren beklagen Druck
„Wir verschwinden nicht“

Zu schimpfen hatten die Krim-Tataren viel, als die Ukraine die Kontrolle über die Halbinsel hatte. Doch nach dem Beitritt zu Russland nehmen die Klagen der muslimischen Minderheit zu. Putin hatte ihnen viel versprochen.
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SimferopolRatlos sitzt Sair Smedlja mit der russischen Verfassung in der Hand in einem Café von Krim-Tataren in Simferopol. „Hier steht alles wunderbar über den Schutz der Minderheiten, Menschenrechte und so weiter. Aber zählt das was? Nichts“, sagt der 52-Jährige.

Der Aktivist der muslimischen Minderheit der Krim-Tataren kommt nur schwer klar mit dem neuen Leben, seit die Ukraine vor einem Jahr die Kontrolle über die Halbinsel an Russland verlor. Es sei extrem schwierig geworden, sagt Smedlja, sich für seine Rechte einzusetzen – und für manchen sogar gefährlich.

Ganz in der Nähe des Cafés zeigt Sair Smedlja das von den Behörden geschlossene Gebäude der Medschlis, der Vertretung der Krim-Tataren. Es sei ein Kreuz mit der Justiz, die eine Arbeit der Gemeinschaft unmöglich mache, klagt der Aktivist vor dem Haus in der Schmidt-Straße. In den Gerichten säßen dieselben Juristen wie früher, ausgebildet nach ukrainischem Recht, die nun russische Gesetze anwenden sollen – die sie aber kaum kennen würden.

Unter den Krim-Tataren ist die Ablehnung der vom Westen als Völkerrechtsbruch kritisierten Annexion der Halbinsel durch Russland besonders groß. „Es gab keine Hochzeit. Es gab eine Vergewaltigung“, sagt Smedlja. Russland habe sich die Krim in einer groß angelegten Geheimoperation einverleibt. Auch wegen dieser „Gewaltaktion“ der Machtzentrale Moskau sitzen die Reflexe der Tataren – etwa 280.000 sind es auf der Krim – gegen die Kreml-Politik traditionell tief.

Smedlja ist wie viele Tataren gegen Ende der Sowjetunion auf die Krim gekommen. Seine Eltern waren unter dem Diktator Josef Stalin 1944 in die damalige Sowjetrepublik Tadschikistan in Zentralasien deportiert worden. Nun hat Moskau wieder das Sagen.

Und viele können dem nichts Gutes abgewinnen: Es gebe Druck und Einschüchterung von Behörden, Vorladungen vom Inlandsgeheimdienst FSB, Durchsuchungen und Festnahmen, sagt Smedlja. Kundgebungen würden verboten. Auch in den Medien der Krim-Tataren herrsche Angst vor Razzien und Zensur.

Der Aktivist arbeitete einst mit Mustafa Dschemilew, dem Vorsitzenden der Medschlis, zusammen. Doch die russischen Behörden haben den Politiker mit einem Einreiseverbot belegt. Dschemilew setzt sich nun als Abgeordneter im Parlament in Kiew und Beauftragter des ukrainischen Präsidenten für die Krim-Tataren ein.

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