Kriminalität vertrieb viele Firmen aus dem Zentrum
Gewalt kratzt am Image Johannesburgs

Schüsse in der Nacht, Autoentführungen am hellichten Tag, Banküberfälle. Und dann die Angst, die sich hinter Mauern und schwer vergitterten Fenstern verschanzt – Johannesburg ist die gefährlichste Stadt Südafrikas.

KAPSTADT. Über 700 Menschen wurden hier 2003 ermordet, mehr als doppelt so viele wie im gleichen Jahr in ganz Deutschland. Eigentlich steht das Autokennzeichen „GP“ für die Gauteng Province, in der Johannesburg liegt, doch bei den Einwohnern hat sich längst eine andere Bedeutung durchgesetzt: Gangster Paradise.

Doch der Ökonom Tony Twine will den Schmelztiegel Johannesburg-Pretoria, in dem fast neun Millionen Menschen leben, nicht auf die Kriminalität beschränkt sehen: „Johannesburg ist mehr als Gewalt“, sagt er. „Es ist der Maschinenraum des neuen Südafrika.“ Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von über 30 000 Rand (3750 Euro) ist „Jozi“, wie die Bewohner ihre Stadt liebevoll nennen, die ökonomische Zugmaschine des südlichen Afrika. In der Metropole und der Provinz Gauteng werden fast 40 Prozent des Sozialprodukts des Landes und zehn Prozent der Wirtschaftsleistung des Kontinents erzielt.

Und Johannesburg sei „eine Stadt, die zeigen will, dass Menschen anderer Hautfarben und Kulturen zusammenleben können“, ergänzt Twine. Vor 20 Jahren, als die letzten Gesetze der Wohn-Apartheid fielen, erlebte die City ihren radikalsten Wandel. Die Schwarzen, die zuvor in Schlafstädten wie Soweto fernab des Zentrums lebten, waren fortan nicht länger nur Zaungäste. Als die Dämme der Rassentrennung brachen, strömten Arme und Arbeitslose in Scharen in die City. „In vieler Hinsicht spiegelt der Umbruch Johannesburgs die Veränderung Südafrikas in seinem Übergang von der Apartheid zur Demokratie wider“, konstatiert John Kane Berman vom Institute for Race Relations.

Während die Menschen ins Zentrum strömten, stahlen sich die meisten Unternehmen, die Weißen gehörten, davon. Ihr Exodus hat sie dorthin geführt, wo die Welt noch immer weiß ist – nach Norden in die zu alternativen Stadtzentren mutierten Vororte Sandton oder Midrand. Dort schossen Glaspaläste und Konsumtempel in den Himmel über dem Highveld, doch die Innenstadt von Johannesburg verfiel. Doch selbst trostlose Stadtteile wie Hillbrow oder Yeoville zogen immer noch Hunderttausende von Immigranten aus dem Inneren Afrikas an, denen Johannesburg angesichts ihrer eigenen verzweifelten Lage immer noch wie ein Dorado erschien.

Geblieben sind in der City, die über einer 97 Kilometer langen Goldader verläuft, nur eine Hand voll Minenkonzerne und Banken, darunter die Absa-Bank. Ihre Angestellten arbeiten in einer abgeschotteten Welt und nahe einer von der Bank gesponserten Polizeistation.

Wer früher den Firmensitz des Bergbaukonzerns Anglo American besuchte und in das oberste Stockwerk fuhr, der sah von dort das ökonomische Herz Johannesburgs: die Abraumhalden der Goldminen, die am Stadtrand ihre Schächte in den Boden trieben. Inzwischen sind die markanten Hügel, die die kurze Geschichte Johannesburgs prägten, fast abgetragen. Als 1886 auf dem Highveld die reichste Goldader der Welt entdeckt wurde, wurde auch der Grundstein der Stadt gelegt. Fast die Hälfte der weltweit bekannten Goldreserven schlummert unter dem Witwatersrand. Doch die Unternehmen schürfen immer noch auf den vor 100 Jahren entdeckten Flözen – und müssen ständig tiefer graben. Einige Schächte reichen bereits über 4000 Meter ins Erdinnere, was den Abbau immer unprofitabler macht.

Obwohl die Branche, der die Stadt ihre Existenz verdankt, im Sterben liegt, bemüht sich die heruntergekommene City nach Kräften um eine Renaissance: Angesichts der gestiegenen Mietpreise, die in Sandton fast sechsmal höher sind als in der Innenstadt, erwägen einige Unternehmen eine Rückkehr ins Zentrum. Eine Vorbildfunktion hat dort das 1972 fertiggestellte Carlton Center – ein einst glitzernder Büro- und Hotelkomplex. Nachdem das Gebäude wegen des Exodus von Mietern und Touristen 1997 eingemottet und zwei Jahre später spottbillig verkauft wurde, sind seine Büros heute wieder belegt. Hauptgrund sind die niedrigen Mieten und die Verbrechensbekämpfung, die hier mit mehr Nachdruck betrieben wird.

Neue Impulse könnte der City auch die geplante Schnellbahn zwischen dem Flughafen von Johannesburg und der Hauptstadt Pretoria verleihen. Bei dem „Gautrain“ handelt es sich um das größte Joint-Venture zwischen Staat und Privatsektor in Afrika. Die Bauzeit des auf zwei Mrd. Euro geschätzten Projekts dürfte vier Jahre betragen, womit der Zug kurz vor der Fußball- Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika in Betrieb gehen könnte. „Johannesburg hat alles, um in einer Liga mit New York oder Sao Paulo zu spielen“, sagt Ann Bernstein, Chefin des Centre for Development and Enterprise. Nirgends sei der Traum von einem besseren Leben so spürbar wie hier – trotz aller Gewalt.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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