Krise in Bagdad
Iraks Regierung droht die religiöse Spaltung

Im Irak ist ein innenpolitischer Machtkampf entbrannt. Sunnitische Minister wollen Parlamentssitzungen boykottieren, Ministerpräsident Nuri el Maliki droht ihnen mit der Entlassung. Es droht eine religiöse Spaltung.
  • 0

BagdadIm neu entflammten Kampf um die Macht im Irak hat Ministerpräsident Nuri el Maliki mit der Entlassung aller sunnitischen Minister aus seiner Regierung gedroht. Sollten sie wie zuletzt nicht zu den Sitzungen des Kabinetts erscheinen, werde er sie „ersetzen“, sagte Maliki am Mittwoch in Bagdad. US-Vizepräsident Joe Biden rief den Regierungschef in einem Telefonat zur Beilegung der innenpolitischen Krise auf.

„Die Minister haben nicht das Recht, die Teilnahme an den Kabinettssitzungen auszusetzen“, sagte Maliki in der irakischen Hauptstadt. Seine Regierung der nationalen Einheit war vor genau einem Jahr nach zähen Verhandlungen der beteiligten Parteien gebildet worden. Die sunnitische Partei Irakia kündigte am Montag nach Kritik an der Amtsführung Malikis jedoch den Boykott der Kabinettssitzungen an, nachdem sie schon seit Samstag dem Parlament ferngeblieben war.

Biden sagte in einem Telefonat mit Maliki am Dienstag nach Angaben des Weißen Hauses, der Ministerpräsident und die Anführer der anderen politischen Gruppen im Irak müssten „dringend“ zusammenkommen und ihre Differenzen beilegen. Er telefonierte zudem mit Parlamentspräsident Osama el Nudschaifi. Biden haben beiden Gesprächspartnern klar gemacht, dass die USA die Lage im Irak aufmerksam verfolgten, erklärte das Weiße Haus.

Die Justiz hatte zuvor Haftbefehl gegen den sunnitischen Vizepräsidenten Tarek el Haschemi erlassen, weil seine Leibwächter in Anschläge verwickelt sein sollen. Haschemi weist die Vorwürfe zurück. Maliki forderte auch die Entlassung seines sunnitischen Stellvertreters Saleh Mutlak, der ihm vorgeworfen hatte, eine „schlimmere Diktatur“ als der frühere Machthaber Saddam Hussein auszuüben. Die Konflikte sind Teil eines Zerwürfnisses zwischen Sunniten und Schiiten.

Nach dem Abzug der letzten US-Truppen aus dem Irak am Wochenende nahm Präsident Barack Obama am Dienstag an einer Zeremonie zum Ende des Militäreinsatzes teil. Auf dem Stützpunkt Andrews nahe Washington grüßte er heimkehrende US-Soldaten. Am 20. März 2003 waren die US-Truppen in den Irak einmarschiert, um kurze Zeit später Saddam Hussein zu stürzen. Zwischenzeitlich standen bis zu 170.000 US-Soldaten in dem Land, rund 4500 von ihnen starben in dem Einsatz.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Krise in Bagdad: Iraks Regierung droht die religiöse Spaltung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%