Krise in der Ukraine
Der Alltag wird lebensgefährlich

Alltag in der ostukrainischen Stadt Donezk gibt es nicht mehr. Demonstrieren ist lebensgefährlich – egal für welche Seite. Viele Bürger trauen sich nicht mehr ihre Meinung zu sagen. Und dann ist da noch die Propaganda.
  • 3

DonezkBeim Demonstrieren in Donezk ist Einfallsreichtum gefragt. Das gilt zumindest für Unterstützer der Regierung in Kiew, denn nirgendwo in den Läden der Bergarbeiter-Stadt im Osten der Ukraine sind auch nur Schleifen in den blaugelben Nationalfarben des Landes aufzutreiben. Eine Gruppe Demonstranten ließ sich davon nicht abschrecken und wich ins Internet aus: Über die sozialen Netzwerke riefen sie Gleichgesinnte in anderen Landesteilen auf, ihnen die Bänder an ihr improvisiertes Hauptquartier in einem Keller nahe dem Leninplatz im Zentrum von Donezk zu schicken. Auf den Fernsehbildern über die Unruhen im Osten der Ukraine tauchen die Nationalfarben dennoch kaum auf – die Beiträge werden dominiert vom Meer der rot-weiß-blauen russischen Fahnen, die die Separatisten überall aufgehängt haben.

„Das ist alles sehr schwierig“, berichtet Tetjana Dirnewa, die die Regierung in Kiew unterstützt. „Ich spreche russisch und bin in einer Gegend aufgewachsen, die im Vergleich zu anderen Regionen weniger patriotisch wirken mag. Aber ich weiß, dass die Nationalflagge meines Landes blaugelb ist, habe keine anderen Farben und empfinde auch keine Nostalgie für andere Symbole.“ Um sie herum haben die prorussischen Separatisten und Bewaffnete in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen dennoch die unabhängige „Volksrepublik Donezk“ ausgerufen und ein Dutzend Verwaltungsgebäude im Donbass besetzt. Die ganze Region ist inzwischen gepflastert mit russischen Fahnen und den orange-schwarzen Schleifen der Aufständischen.

Dabei lassen Umfragen sowie die Äußerungen von Einheimischen vermuten, dass die wahre Gefühlslage im Osten der Ukraine anders aussieht. Die meisten Menschen hier sprechen zwar Russisch als Muttersprache, fühlen sich aber als Ukrainer. Viele von ihnen unterstützen aktiv die Regierung in Kiew. Ihre Anzahl zu beziffern, ist allerdings schwierig. Hinzu kommt eine große Masse von Menschen, die sich irgendwo zwischen den Extremen verortet und einfach ein Ende der Instabilität wünscht.

72 Prozent halten die Regierung in Kiew für illegal

Einer Umfrage des Internationalen Soziologie-Instituts in Kiew von Mitte April zufolge sind nur 27 Prozent der Bewohner im Großraum Donezk für eine Angliederung ihrer Region an Russland. Zugleich halten allerdings 72 Prozent der Einheimischen die neue Regierung in Kiew für illegal. Sie war im Februar nach dem Sturz des im Donbass gebürtigen Präsidenten Viktor Janukowitsch an die Macht gekommen.

„Alle Umfragen belegen, dass die meisten Leute für die Beibehaltung des Status quo und den Verbleib in der Ukraine sind, auch wenn sie die Regierung nicht unterstützen“, sagt Igor Todorow, ein Politikprofessor an der Universität von Donezk. „Obwohl es nach außen hin so scheint, als würde sich die Lage zuspitzen und die Menschen sich radikalisieren, befindet sich offenbar ein Großteil der Bevölkerung in einer Art passivem Widerstand und lebt einfach ihr normales Leben weiter“.

Seite 1:

Der Alltag wird lebensgefährlich

Seite 2:

Widerstand nur am Küchentisch

Kommentare zu " Krise in der Ukraine: Der Alltag wird lebensgefährlich"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Zitat : Zugleich halten allerdings 72 Prozent der Einheimischen die neue Regierung in Kiew für illegal.

    - das gleichen die 100 % der Westlichen Politprolls aus, die diese Junta-Regierung für legal halten !

    Die Meinung der Völker interessiert diese Dampfbacken nicht...weder zu Hause noch in der Ukraine !

  • USA offenbar an Militäreinsatz in Ost-Ukraine beteiligt

    Offiziell gibt die US-Regierung Russland die Schuld für eine Eskalation in der Ukraine. Doch tatsächlich scheint Washington bereits selbst tief in den Kampfeinsatz im Donezkbecken verstrickt.

    https://www.compact-magazin.com/usa-offenbar-militaereinsatz-ost-ukraine-beteiligt/

  • Will der Westen (USA) einen Krieg?

    Wollen uns die privaten Konzernmedien einen Krieg gegen Russland verkaufen?

    Desinformation in den westlichen Mainstreammedien?

    Ich bin verwirrt. Vor einigen Wochen wurde uns in den Medien erklärt, dass es sehr gut sei, wenn das Volk in der Ukraine Regierungsgebäude besetzt.
    Unsere politische Führung und Medien erklärten uns, dass es sich bei diesen Menschen um "Pro-Demokratie-Demonstranten" handele. Wehe, ihr geht mit Gewalt gegen diese "Pro-Demokratie-Demonstranten" vor, warnte die US-Regierung die ukrainischen Behörden – selbst dann nicht, wenn, wie auf Bildern zu sehen war, einige dieser Demonstranten Neonazis waren, die die Polizei mit Molotowcocktails und anderen Dingen bewarfen, die Statuen zerschlugen und Gebäude anzündeten.

    Inzwischen sind einige Wochen vergangen und nun heißt es in den gleichen Medien, die Leute, die in der Ukraine Regierungsgebäude besetzen, seien keine "Pro-Demokratie-Demonstranten", sondern "Terroristen" und "gewaltbereite Elemente"!

    Im Januar war es noch gut, Regierungsgebäude in der Ukraine zu besetzen, aber im April ist es eine böse Sache?

    Im Januar stand es völlig außer Frage, gewaltsam gegen Demonstranten vorzugehen, aber jetzt ist es in Ordnung?

    Ich bin verwirrt. Kann mich jemand erleuchten?

    Im Winter besuchten mehrere prominente westliche Politikschauspieler die regierungskritischen Demonstranten in der Ukraine, darunter US-Senator John McCain. Victoria Nuland vom US-Außenministerium verteilte Kekse.

    Doch in vielen westeuropäischen Ländern gab es in den vergangenen Wochen massive Demonstrationen gegen die Regierung, da war von einer derartigen Unterstützung nichts zu sehen, weder von Politikern noch von den Medien.

    Wenn sie regierungskritische Proteste in den Straßen Europas so toll finden und sie für die wahrhaftigste Form von "Demokratie" halten, müssten McCain und Nuland doch auch ihre Solidarität mit den Menschen bekunden, die in Madrid, Rom, Athen und Paris auf die Straßen gehen?

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%