Krise in der Ukraine
Kämpfe in Ostukraine flauen ab

Insgesamt flauen die Kämpfe in der Ostukraine offenbar ab. Im Raum Mariupol meldet die Armee aber immer noch Rebellenangriffe. Präsident Poroschenko will vor dem Abzug schwerer Waffen eine umfassende Waffenruhe.
  • 7

Kiew/MoskauIn der Ukraine sind einen Tag nach der Einnahme von Debalzewe durch prorussische Separatisten die Kämpfe abgeflaut. Damit wurden Hoffnungen genährt, dass das Minsker Friedensabkommen doch noch umgesetzt werden kann. Russland, die Ukraine, Deutschland und Frankreich verabredeten am Donnerstag einen Neustart der Bemühungen um ein Ende der Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Es müssten nun konkrete Schritte ergriffen werden, teilte der deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert nach einer Telefonkonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Präsidenten von Russland, der Ukraine und Frankreich – Wladimir Putin, Petro Poroschenko und Francois Hollande – mit. Poroschenko warnte, Voraussetzung für die Umsetzung des Minsker Abkommens sei ein umfassender Waffenstillstand.

Die Kämpfe wurden jedoch stellenweise fortgesetzt. Reuters-Korrespondenten beobachteten in Wuhlehirsk bei Debalzewe Artillerie-Feuer, das ihren Angaben nach jedoch weniger intensiv als am Vortag war. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Kiew sind 13 Soldaten während des Rückzugs aus dem Eisenbahnknotenpunkt Debalzewe am Mittwoch gefallen. 82 weitere Armeeangehörige würden vermisst. 157 seien verletzt worden und 93 in Gefangenschaft geraten. Mit der Einnahme von Debalzewe gelang es den Rebellen, die Verkehrsverbindung zwischen ihren Hochburgen Donezk und Luhansk unter ihre Kontrolle zu bringen.

Nach Angaben der Armee griffen die Separatisten 46 Mal ihre Stellungen mit Raketen, Artillerie und Panzern an. Auch die Hafenstadt Mariupol sei unter Feuer genommen worden. Örtliche Militärsprecher berichteten, nachdem die Nacht und der Morgen ruhig verlaufen seien, hätten Rebellen den Ort Schyrokine 30 Kilometer östlich von Mariupol mit Mörsergranaten unter Feuer genommen. Allerdings kam es zunächst nicht zu einer auf Geländegewinne angelegten Offensive. „Es gibt bislang keinen Versuch, unsere Stellungen einzunehmen“, sagte der Sprecher. „Die Rebellen bringen ihre Reserven in Stellung.“

Mariupol hat ähnlich wie Debalzewe einen großen strategischen Wert für die Separatisten und für Russland. Die Stadt am Asowschen Meer liegt auf dem Landweg von den Rebellengebieten im Osten zur Halbinsel Krim, die im März von Russland annektiert worden war. Russland hat jedoch keine Landverbindung zu der Halbinsel, deren Versorgung über das Meer sehr aufwendig ist.

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) meldete keine größeren Gefechte. „Ich muss hier auch festhalten, dass die OSZE-Spezialbeobachtermission in der Ukraine festgestellt hat, dass der Waffenstillstand auf der Länge der Frontlinie, die fast 500 Kilometer lang ist, im Großen und Ganzen hält“, sagte der stellvertretende OSZE-Chefbeobachter Alexander Hug im DLF.

„Bundeskanzlerin Merkel, Präsident Hollande, Präsident Poroschenko und Präsident Putin kamen überein, trotz des schweren Bruchs der Waffenruhe in Debalzewe an den Vereinbarungen von Minsk festzuhalten“, erklärte Seibert in Übereinstimmung mit Erklärungen aus Moskau, Paris und Kiew. Nun müsse mit dem Abzug der schweren Waffen aus dem Kampfgebiet begonnen werden. Nach Seiberts Worten wollen die Außenminister der vier Länder in den nächsten Tagen Einzelheiten der Umsetzung des Minsker Abkommens beraten.

Am Donnerstag vor einer Woche hatten sich Putin und Poroschenko unter Vermittlung von Merkel und Hollande in der weißrussischen Hauptstadt auf einen Friedensfahrplan geeinigt. Demnach sollte unter anderem von vergangenem Sonntag an eine Waffenruhe gelten. Längs des Frontverlaufes sollten ein demilitarisierter Korridor eingerichtet, den Separatisten Autonomierechte eingeräumt und schwere Waffen aus dem Kampfgebiet abgezogen werden. Da nach Sonntag die Kämpfe um Debalzewe sogar zunahmen, stellten westliche Politiker die Gültigkeit des Minsker Abkommens zwischenzeitlich infrage. Zudem sind die bisherigen Erfahrungen schlecht: Ein im vergangenen Jahr ebenfalls in Minsk verabredeter Waffenstillstand wurde nicht eingehalten.

Poroschenko warnte nach Angaben auf seiner Web-Seite in dem Telefonat mit Putin, Merkel und Hollande davor, die Ereignisse in Debalzewe als übereinstimmend mit dem Minsker Abkommen zu werten. Dagegen hatten sich die Separatisten und Russland auf den Standpunkt gestellt, Debalzewe sei von den Vereinbarungen ausgenommen. Der ukrainische Präsident forderte, alle ukrainischen Gefangenen müssten freigelassen werden. Einigkeit zwischen allen vier Staats- und Regierungschefs bestand darin, die Entflechtung der Truppen im Frontgebiet durch die OSZE beaufsichtigen zu lassen. Keine Unterstützung fand Poroschenko für seinen Vorschlag, Polizisten der Europäischen Union bei der Überwachung der Waffenruhe einzusetzen.

Russland, das die Unterstützung der Separatisten mit Kämpfern und Waffen bestreitet, nahm am Donnerstag Gaslieferungen in die Rebellengebiete auf. Der ukrainische Gasversorger Naftogaz hatte erklärt, wegen Schäden an den Gasleitungen nicht mehr Gas in den Osten liefern zu können.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Krise in der Ukraine: Kämpfe in Ostukraine flauen ab"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Sehr geehrter Herr Marc Otto,
    Das ist eine interessante Sicht. In der Ukraine - und davon sprechen wir - hat es vor dem Konflikt, so weiss ich weiss, etwas anders ausgesehen und zwar, aufgrund von einem starken Nachbar es waren gerade die Ukrainer die um ihre Sprache und Kultur kämpfen mussten, nicht umgekehrt. Sie haben sich immer bedroht gefühlt. Und mit Rücksicht auf ihre noch ziemlich frische Geschichte, kein Wunder. Was in den 1930 dort passiert ist, bish heute wissen wir nicht genau wie viel Leuten starb. Also dass gerade die Ukrainer sich als Obermenschen fühlen sollen, wie? Da kann ich nicht zustimmen.
    Schönen Abend noch.

  • @--- Herr Lord DraCool,--------- danke für ihre hilfreiche Vorlage. Ja etwas naiv und noch mehr blauäugig kommt nur ihre naive Sichtweise auch vor. Aber sie kenne die Abläufe offensichtlich nur aus den (westlichen) Medien, die hierzu nicht sehr objektiv sein dürfen.---------------- Der aktuelle Konflikt hat seine Ursache u.a. darin, dass Ost-Slawen (Russen) von den Westslawen als Untermenschen angesehen werden und schon deshalb nicht in der Ukraine bleiben wollen. Konkret heißt das, dass man die ostslawischen Gebiete entweder vollkommen an Russland angliedert, oder den Westslawen so viel Geld bietet, bis sie den Ostslawen dort Autonomie gewährt. Das aber aus zu loten bedarf es sehr vieler Verhandlungen und Unterverhandlungen. Und genau das erfordert viel Zeit und noch mehr Geduld. ---------- man kann diesen Konflikt aber auch amerikanisch lösen „1-2 Atombomben und Massenvernichtungswaffen und schon ist Ruhe /Frieden der Toten.

  • Sehr geehrter Herr Marc Otto, verzeihen Sie aber Sie wirken mindestens sehr naiv mit der Glaube, die Kämpfe seien vorbei. Etwas Waffenruhe ist immer gut, um Nachschub zu holen. Die Ukrainer haben kaum noch was zu holen, und wegen dieser tödlichen Stille werden es auch nicht von draußen bekommen. Die sog. "Separatisten" dagegen haben sehr viel zu bekommen, und das werden wir fast sicher in den nächste Tagen zu sehen bekommen. Die Jungs sind so lausig dass sie nicht mal ihr nächstes Ziel verbergen: Mariumpol. Eine Landverbindung mit Krim. Ich würde mir es wünschen, das wäre alles. Ich würde mir es wünschen, der KGBist geht nicht weiter. Aber, verzeihen Sie - das ist sehr unwahrscheinlich. Binnen 3-4 Tage wird eine Offensive fortgesetzt. Und wieder die Ukraine dafür beschuldigt. Salami-Taktik: keine unbekannte Sache. Sehr effizient wenn man die Zeit hat. Und der Ivan hat's halt nicht eilig.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%