Krise in Griechenland
Der Pleitegeier kreist über Athen

Griechenland schien nach der existenzbedrohenden Schuldenkrise schon gerettet. Doch jetzt drohen Neuwahlen und politisches Chaos. Die Krise kehrt zurück – womöglich mit schlimmeren Folgen als beim ersten Mal.
  • 33

AthenDer Jahreswechsel sollte die Erlösung bringen, versprach der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras seinen Landsleuten: Die Griechen sprengen die Ketten der Troika, das Land befreit sich aus der Vormundschaft der internationalen Gläubiger und steht wieder auf eigenen Füßen. So das Szenario, das Samaras den Hellenen seit Monaten ausmalte.

Doch es kam ganz anders. Plötzlich ist die Krise wieder da. Die Athener Börse verzeichnet den tiefsten Absturz seit fast 30 Jahren. Die Kurse der griechischen Bonds gehen auf steile Talfahrt. Das Unwort „Grexit“, ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone, ist wieder in aller Munde.

2015 könnte tatsächlich das Jahr der Wende werden, aber ganz anders, als es sich Samaras gedacht hatte. Bis Ende Dezember soll das Athener Parlament einen neuen Staatspräsidenten wählen. Erreicht kein Kandidat die erforderliche Mehrheit, muss die Volksvertretung Anfang Januar aufgelöst und eine Neuwahl angesetzt werden. Wahrscheinlicher Gewinner: Oppositionsführer Alexis Tsipras und seine radikal-linke Partei Syriza, die in allen Meinungsumfragen führt. Tsipras will die Kreditverträge aufkündigen, den Sparkurs beenden, Privatisierungen rückgängig machen und auch die meisten anderen Reformen zurückdrehen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Es könnte dazu führen, dass die Griechen den Euro abgeben müssen.

Damit wird die am Mittwoch beginnende Präsidentenwahl zum Schicksalsvotum. Alles, wofür die Griechen in den vergangenen fünf Jahren große Opfer gebracht haben, steht nun wieder auf dem Spiel. Das Schreckgespenst der Staatspleite schien längst verscheucht – jetzt ist es auferstanden. Die Pleitegeier kreisen wieder über der Akropolis.

Dabei schien Griechenland gerade die Kurve zu kriegen. Nach vierjähriger Pause konnte die staatliche Schuldenagentur im April und Juli wieder Staatsanleihen zu vertretbaren Konditionen am Markt platzieren – erstaunlich: Schließlich hatte Athen erst im Februar 2012 die privaten Anleger mit einem Schuldenschnitt bluten lassen. Erstmals nach sechs Jahren Rezession wächst die Wirtschaft nun wieder, sogar schneller als in allen anderen EU-Staaten. Auch beim Beschäftigungszuwachs liegt Griechenland an der Spitze. Die Staatsfinanzen sind endlich im Griff. Beim Haushaltsdefizit steht Griechenland um Längen besser da als Italien, Spanien, Portugal, Irland oder Frankreich. Die Reformen und die Sparanstrengungen beginnen Früchte zu tragen. Sogar der strenge Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble lobt „beachtliche Fortschritte“ in Athen.

Kommentare zu " Krise in Griechenland: Der Pleitegeier kreist über Athen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Nicht die Europäische Union ist zerstört, die Großmachtphantastereien sind zerstört.
    Es braucht keinen bürokratischen Moloch, damit die europäischen Länder auf der Basis von Eigenverantwortlichkeit und Souveränität zusammenarbeiten und Handel treiben. Man kann, wenn man will, jede Woche irgendwo einen Gipfel einberufen und
    Absprachen treffen. Ohne Drohungen, ohne Misstrauen, ohne Erpressungen.
    Man wird als Deutscher wieder gerne nach Griechenland, Italien und Spanien fahren
    und sich auf Augenhöhe begegnen können. Und auch einen Krieg wird es in Europa nicht geben. Die Europäischen Länder können nicht zerstört werden, ebensowenig ihre guten Beziehungen, wenn sie einmal da waren. Also: es gibt nichts zu verlieren
    außer unserer eingeredeten.Angst.

  • Der Pleitegeier kreist vor allem über der Ukraine. Das wird der EU guttun. Die Dutzende Milliarden, die dort jährlich gebraucht werden. So viel müssen einem Großmachtsallüren schon wert sein, nicht wahr, Larve und Erika?

  • Besser kann man die Situation nicht beschreiben.
    Die gesamte EU ist dem Untergang geweiht.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%