Krise in Pakistan Wenn das Chaos Alltag wird

Brennende Tankstellen, geplünderte Fast-Food-Restaurants, aufgeknackte Geldautomaten: Pakistan befindet sich im Ausnahmezustand – auch gut eine Woche nach der Ermordung der pakistanischen Oppositionsführerin Benazir Bhutto. Doch es könnte noch schlimmer kommen: Nach der politischen Krise droht Pakistan nun auch im Wirtschaftschaos zu versinken.
Pakistan: Aufgebrachte Anhänger an Bhuttos Grab. Foto: Reuters

Pakistan: Aufgebrachte Anhänger an Bhuttos Grab. Foto: Reuters

LAHORE. Drei Stunden Schlange stehen – für nichts und wieder nichts. Mit Steinen werfen die, die leer ausgegangen sind, auf den geschlossenen und vergitterten Laden. Auf Mehl hatten sie gehofft, aber es reicht nicht für alle. So etwas ist nun Alltag in Lahore, der mit fast neun Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt Pakistans.

Einer, der mehr Glück hatte als die anderen, klemmt einen Sack Mehl für 310 Rupien – 3,50 Euro für 20 Kilo – zwischen sich und der hinten sitzenden Ehefrau auf sein Motorrad und braust im Abgasnebel des Dauerstaus von zwei Millionen Zweirädern, Motor-Rikschas, japanischen Kleinwagen und der einen oder anderen Luxuslimousine „made in Germany“ heimwärts.

Pakistan befindet sich im Ausnahmezustand – auch gut eine Woche nach dem Mord an Oppositionsführerin Benazir Bhutto. Banken und Tankstellen brennen, die eingeschlagenen Scheiben eines geplünderten Restaurants der US-Kette „Kentucky Fried Chicken“ mit verkohlten Metallskeletten ausgebrannter Mopeds vor der Tür: Es sind Bilder wie diese, die Pakistans Bürgern allabendlich per TV ins Haus flimmern. Neben dem politischen Chaos als Folge des Mords und der Absage der eigentlich für morgen angesetzten Parlamentswahl, die nun im Februar stattfinden soll, droht nun auch noch eine Wirtschafts- und Versorgungskrise das 160-Millionen-Einwohner- Land zu erschüttern.

In Lahore sind ihre Vorboten überall zu besichtigen. Kommt ein Laster mit Reissäcken, Linsen oder Mehl in die Stadt, wird er sofort von Hunderten Frauen in bunten Saris und Männern in knielangen Gewändern umstellt – Abverkauf vom LKW statt im Laden. Kurz darauf machen sich zwei Bauern auf ihrem Eselskarren stolz auf den Rückweg in ihr Heimatdorf – ihre Mehlsäcke haben sie zu je 400 Rupien verkauft. Sie haben von der Anarchie profitiert.

Davongekommen ist Seema Aziz. Die Textilkönigin von Lahore mit eigenen Webereien und ihren 40 Läden der Marke „Vareeze“ zwischen Himalaja und Indischem Ozean hatte es geschafft, „sofort nach der Ermordung Benazirs alle sieben Shops in Karatschi verrammeln zu lassen“ – ehe der Mob kam und mitnahm, was er tragen konnte. Manches in Pakistan erinnert in diesen Tagen an die Vorgänge in Bagdad nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003.

„Das waren keine spontanen Proteste wegen der Trauer über den Tod von Frau Bhutto“, sagt Unternehmerin Aziz, die sich in einen Sari mit Goldkante gehüllt hat. „Das waren organisierte Plünderungen. Da will jemand die Lage destabilisieren.“

Betroffen ist auch das Finanzsystem. 699 Banken seien geplündert und 148 Geldautomaten zerstört worden, berichtet die Zentralbank Pakistans. 290 Bankfilialen seien vollkommen ausgebrannt, darunter auch zahlreiche ausländische. Der Schaden belaufe sich auf 13 Millionen Euro.

Schlimm getroffen hat das Chaos wieder einmal die Hafenstadt Karatschi. „Aber dort ist die Lage sei Jahren so unsicher, dass wir seit langem keinen ganzen Monat lang mehr unsere Läden auflassen konnten“, berichtet Textilunternehmerin Aziz.

Die Handelskammer in Karatschi schätzt die Schäden durch die vier Tage lang durch die größte Stadt Pakistans schwappende Plünderungswelle auf eine Milliarde Dollar – das sind 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Pakistans.

Bald schon könnte das Versorgungschaos auch die politische Lage weiter destabilisieren. Wegen Hamsterkäufen sind Grundnahrungsmittel wie Mehl, Milch, Reis und Speiseöl fast ausverkauft. Und die Mächtigen fürchten Warteschlangen: „Da haben die Menschen drei Stunden Zeit, erregter und immer lauter auf die Regierung zu schimpfen: Eine Katastrophe ist das vor der Wahl“, sagt ein Berater der Provinzregierung des größten Bundeslandes Punjab, die Präsident Pervez Musharraf nahesteht.

Mancher Mächtiger wird zudem verdächtigt, sich an der Anarchie bereichert zu haben. „Aata chor“, Mehldieb, haben Demonstranten auf die Plakate von Musharrafs Handelsminister Humayun Akhatar Khan geschmiert. Sie werfen ihm vor, große Mengen Mehl gebunkert zu haben, ehe die Preise für Grundnahrungsmittel raketenartig abhoben. 2,5 Milliarden Rupien soll er nach Presseberichten über Nacht eingestrichen haben. Nun erntet Musharrafs Minister den Hass vieler Pakistanis.

Politisch spielt die Versorgungskrise Bhuttos Volkspartei PPP in die Hände. Deren Motto kommt seit den 60er-Jahren einer Art islamischen Sozialismus gleich: „Roti“ (Brot), „Kapra“ (Kleidung) und „Makaan“ (Wohnung) für alle.

Doch nicht nur die Mehlkrise erschüttert Pakistan. Zahlreiche Tankstellen sind geschlossen, weil Benzin ausverkauft ist. Wegen Erdgasmangels wurde die Produktion von Dünger reduziert. Gas soll vermehrt verstromt werden. Weil nun auch in den Großstädten der Strom immer wieder ausfällt, hat Musharraf angeordnet, die Produktion aller Stahlwerke im Land zu stoppen – zunächst für zwei Wochen. Schon droht der Verband der Kornmühlen in Lahore, bis zu 100 000 Mitarbeiter müssten auf die Straße gesetzt werden, wenn es nicht genug Strom für die Fabriken gebe.

Die Zentralbank hat angekündigt, dass im bis Ende Juni laufenden Haushaltsjahr 2008 das mit 7,2 Prozent prognostizierte Wirtschaftswachstum nicht zu erreichen sein wird. Unabhängige Wirtschaftsexperten in Pakistan erwarten sogar einen Rückgang auf 5,5 Prozent. Neben dem sich abkühlenden Weltwirtschaftsklima, warnt die Zentralbank, kämen erhebliche Haushaltsprobleme hinzu: Wegen der Straßenproteste hätten mehrere Milliarden Rupien an Steuern nicht eingetrieben werden können.

Die Zentralbank erwartet ein drastisch wachsendes Handelsbilanzdefizit – und ein auf 5,2 Prozent des BIP anschwellendes Defizit im Staatshaushalt. Die Regierung kurbele derweil die Inflation massiv an, weil sie sich allein im letzten Quartal mehr Geld bei ihr geliehen habe als für das gesamte Jahr vorgesehen.

Doch die Regierung von Präsident Pervez Musharraf übt sich tapfer in Optimismus. „Die hohen Lebensmittelpreise“, sagt Finanzminister Salman Shah, „führen doch auch zu mehr Wachstum und Wohlstand der Bauern auf dem Lande.“

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