Krise noch akut
IWF schürt Angst vor großer Depression

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat vor dem G20-Treffen der Finanzminister im schottischen St. Andrews vor einem verfrühten Ausstieg aus den teuren Krisenbekämpfungsprogrammen gewarnt. Deutschlands neuer Finanzminister Wolfgang Schäuble warnte vor überzogenen Erwartungen an den zweitägigen Mini-Gipfel.
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HB ST. ANDREWS. Die Industrieländer dürften nicht Fehler wiederholen, die zur großen Depression Anfang der 30er Jahre geführt hätten, mahnte der IWF in einem für die am Freitagabend beginnende Konferenz ausgearbeiteten Papier. Die Weltwirtschaft erhole sich noch nicht aus eigener Kraft und die Entwicklung verlaufe gerade unter den Industrieländern noch uneinheitlich. Der britische Finanzminister Alistair Darling hält den Aufschwung ebenfalls noch nicht überall für gesichert.

Deutschlands neuer Finanzminister Wolfgang Schäuble warnte vor überzogenen Erwartungen an das zweitägige Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer. Es gehe um fortlaufende Diskussionen, auch beim Thema Exit-Strategien. "Wir fangen hier nicht an und wir werden hier nicht zum Ende kommen", sagte Schäuble. Einen Schritt vorwärts erhofft sich der Minister bei der Finanzierung der Klimaschutzpolitik, besonders auch in ärmeren Ländern.

Die Frage des richtigen Zeitpunkts für die Abkehr von teuren Krisenbekämpfungsprogrammen und eines koordinierten Vorgehens steht in St. Andrews ganz oben auf der Agenda. Der IWF mahnte, der vorsichtige Aufschwung beruhe in großen Teilen der Welt noch immer maßgeblich auf den staatlichen Konjunkturprogrammen. Es sei noch zu früh, den Sieg über die schwerste Krise seit den frühen 30er Jahren zu verkünden, warnte auch der britische Gastgeber Darling warnte in einem Reuters-Interview. Noch sei nicht die Zeit, das Steuer herumzureißen. Er sehe eine Konsensmöglichkeit bei der G20 darin, die Konjunkturhilfen nicht zu früh einzustellen, um den Aufschwung nicht zu gefährden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat allerdings gerade schon ein erstes kleines Signal gegeben, dass sie bei ihrer bislang sehr billigen und großzügigen Liquiditätsvergabe an die Banken bald auf die Bremse treten könnte. EZB-Direktoriumsmitglied Gonzalez-Paramo dämpfte allerdings die Erwartungen. Eine Diskussion über die Ausstiegs-Strategie sollte nicht notwendigerweise als Signal für unmittelbar bevorstehende Vorhaben der EZB interpretiert werden, sagte er am Freitag in London.

Nach dem Weltfinanzgipfel vor wenigen Wochen in Pittsburgh, wollen sich die Minister auch darüber beraten, wie die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte abgebaut werden können und die globale Ökonomie besser für Krisen gewappnet werden könne. Auf dem Tisch in St. Andrews liegt nach Angaben von G20-Vertretern ein Vorschlag, nach dem die einzelnen Länder ihre Wachstumsstrategien dem IWF zur Analyse vorlegen. Der Fonds könne dann darüber befinden, ob die nationalen Ansätze miteinander in Einklang stünden, um letztlich mehr Ausgewogenheit zu ermöglichen.

Das Thema Wechselkurse steht, wie G20-Vertreter deutlich machten, formal nicht auf der Agenda in St. Andrews. Dennoch könnte der Unwillen vieler exportstarker Länder über die Schwäche des Dollars und die mangelnde Wechselkursflexibilität Chinas hinter verschlossenen Türen angesprochen werden. Japans Vize-Finanzminister Yoshihiko Noda jedenfalls forderte China auf, für flexiblere Wechselkurse seiner Währung zu sorgen. Auch aus Brasilien wurden Klagen laut. Die schwedische EU-Ratspräsidentschaft sprach sich dafür aus, die Wechselkurspolitik als Teil des Kampfes gegen die weltwirtschaftlichen Ungleichgewichte zu behandeln.

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