Krisenfolgen
In Griechenland grassiert der Stromklau

Der griechische Energieversorger DEI kämpft gegen die schlechte Zahlungsmoral seiner krisengeplagten Kunden. 2,5 Milliarden Euro unbezahlte Rechnungen, und immer mehr Griechen zapfen Strom illegal aus dem Netz.
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AthenRechnung nicht bezahlt, Strom gesperrt? Deswegen müssen die Lichter nicht ausgehen. Jedenfalls nicht in Griechenland. Mit etwas krimineller Energie lässt sich das Problem lösen. Die Zeitung „Kathimerini“ berichtete jetzt von einem Barbesitzer im Athener Nobelviertel Kolonaki, dem der Versorger DEI wegen unbezahlter Rechnungen den Strom gekappt hatte. Ein örtlicher Elektriker bot Hilfe an: Für ein Honorar von 600 Euro schloss er jeden Freitagnachmittag das Etablissement unter Umgehung des Zählers ans Stromnetz an. So war der Barbetrieb am Wochenende gesichert. Montagsfrüh baute der Elektriker gegen Zahlung von weiteren 200 Euro die provisorische Stromversorgung wieder zurück – damit bei einer eventuellen Kontrolle nichts auffiel. Der Stromklau flog auf, als der Barbesitzer nach einiger Zeit kalte Füße bekam und aussteigen wollte, von dem Elektriker aber erpresst wurde - und sich der Polizei offenbarte.

Keine Ausnahme. Nach Angaben des Netzbetreibers wurden im vergangenen Jahr 11.528 Fälle von Stromklau festgestellt – fast doppelt so viele wie noch 2014. Der Trend hält an: Allein von Januar bis Mai 2017 kamen rund 5.000 neu festgestellte Fälle hinzu. Wie groß die Dunkelziffer ist, weiß niemand. Die Einbußen für das Energieunternehmen sind jedenfalls beträchtlich: Nach eigenen Berechnungen wurden im vergangenen Jahr 1,52 Millionen Kilowattstunden (KWh) illegal aus dem Netz abgezapft. Das entspräche Gebühren von rund 170 Millionen Euro.

Tatsächlich ist der Verlust für das Unternehmen aber weitaus höher, weil es auch für den hinterzogenen Strom Steuern zahlen muss. Und nicht nur DEI wird durch den Stromdiebstahl geschädigt. Denn mit der Elektrizitätsrechnung werden in Griechenland auch kommunale Abgaben und die monatlichen Gebühren für das Staatsfernsehen ERT eingezogen. Unter dem Strich dürfte sich deshalb die Einbuße durch den Stromklau im vergangenen Jahr auf rund 250 Millionen Euro belaufen haben. Das ist viel Geld, wenn man bedenkt, dass DEI im ersten Halbjahr nur einen mageren Reingewinn von gut 14 Millionen Euro auswies.

Zumal das Unternehmen auch noch auf einem riesigen Berg unbezahlter Rechnungen sitzt. Wegen der Krise, die dem Land eine achtjährige Rezession bescherte, die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordhoch von 27 Prozent trieb und die Durchschnittseinkommen der privaten Haushalte um ein Drittel schmälerte, bleiben immer mehr Menschen die Stromgebühren schuldig. Die offenen Rechnungen summieren sich aktuell auf fast 2,5 Milliarden Euro. Auch der Staat steht mit 100 Millionen in der Kreide. Die Außenstände entsprechen dem Umsatz des ersten Halbjahres, der sich auf 2,48 Milliarden Euro belief.

Zwar hat das Unternehmen wegen der Krise verbilligte „Sozialtarife“ eingeführt. Bedürftige müssen nicht fürchten, dass ihnen der Strom gekappt wird. Aber auch hier gibt es viel Missbrauch. DEI-Vorstandschef Manolis Panagiotakis berichtete jetzt von einem Kunden, der sich die Anerkennung als „Bedürftiger“ erschwindelte, tatsächlich aber in einer 1.000-Quadratmeter-Villa im Athener Prominentenvorort Kifissia lebt. Er schuldet mittlerweile Stromgebühren von rund 28.000 Euro. Ein Reeder in Piräus, der sich als „Arbeitsloser“ für den Sozialtarif anmeldete, lebt auf 760 Quadratmetern und steht bei dem Energieversorger mit 32.000 Euro in der Kreide. Als Konsequenz werde man jetzt die Kriterien für den Sozialtarif überarbeiten und die Kontrollen verschärfen, kündigt CEO Panagiotakis an. Mit Vergünstigungen will der Versorger außerdem die Zahlungsmoral seiner Kunden heben: Wer seine Stromrechnung rechtzeitig zahlt, bekommt 15 Prozent Rabatt. Bei Vorauszahlung der Gebühren für ein ganzes Jahr lockt ein Nachlass von insgesamt 21 Prozent.

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DEI steht vor großen Herausforderungen

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  • Ich glaube, die Griechen leben etwas zu dich an der Türkei und haben zu viel von den Ziegenhirten übernommen. Es gibt offensichtlich sehr viel Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden lieben, einfach Völkern.

    Für uns, die wir alles bezahlen, was Griechen verbrauchen, ist es eine große Ehre, denn wir dürfen an den Griechen lernen, wie es nicht geht.

  • Zitat:
    "...und immer mehr Griechen zapfen Strom illegal aus dem Netz. "

    Mal im Ernst: wäre das nicht auch ein Modell für die 360.000 Haushalte in Deutschland, die sich den überteuerten EEG-Strom nicht mehr leisten können? Not macht halt erfinderisch.

  • Der Satz "Wegen der Krise, die dem Land eine achtjährige Rezession bescherte, die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordhoch von 27 Prozent trieb und die Durchschnittseinkommen der privaten Haushalte um ein Drittel schmälerte, bleiben immer mehr Menschen die Stromgebühren schuldig"

    zeigt ein sehr sozialistisches Weltbild. Soweit mir bekannt werden Stromrechnungen in viel ärmeren Staaten als Griechenland bezahlt.

    Ich denke vielmehr, es handelt sich in Griechenland um ein gebrochenes Staatsverständnis. Griechenland hat sich seelisch bislang nicht von der türkischen Kolonialzeit getrennt.

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