
Handelsblatt Online: Herr Otte, Spanien ist nach Griechenland, Irland und Portugal das vierte Land, das Unterstützung aus dem Eurorettungsfonds erhält. War dieser Schritt nötig?
Max Otte: Der Schritt war absolut nötig. Auch die Beschränkung auf den Finanzsektor ist richtig.
Welches Land könnte als nächstes unter den Rettungsschirm flüchten?
Vielleicht trifft es Portugal. Wenn die Euro-Länder sich allerdings auf prophylaktische Schuldenschnitte und eine Reorganisation des Bankensektors dort verständigen könnten, wäre der Spuk wohl insgesamt vorbei und man würde sehen, dass die USA und Japan wesentlich wackliger dastehen als Europa.
Anders als die anderen Länder soll Spanien kein strenger Sparkurs im Gegenzug für die Hilfen abverlangt werden. Die Auflagen dafür beziehen sich wohl allein auf den Finanzsektor. Halten Sie das für richtig?
Das ist absolut richtig. Die jetzige Kombination von extrem lockerer Geldpolitik und extrem harter Fiskalpolitik (Fiskalpakt) belohnt wieder die Banken und straft Bürgerinnen und Bürger. Die Staatschulden kamen ja nicht aufgrund staatlicher Misswirtschaft zustande, sondern weil die Staaten allenthalben den Banken geholfen haben, ihrer kaufmännischen Verantwortung zu entgehen. Der Sparpakt verschärft in vielen Ländern die Krise. Das ist die Politik der USA mit einem Haushaltsdefizit von 10,8 Prozent wenigstens konsistent: Vollgas auf allen Fronten.
Die viertgrößte Euro-Volkswirtschaft steckt tief in einer Bankenkrise, hervorgerufen durch eine Immobilienblase der vergangenen Jahre. Die Bilanzen werden durch Milliardensummen „fauler“ Immobilienkredite belastet, denn viele Kunden können das geliehene Geld nicht mehr zurückzahlen. Zudem ist das Land hoch verschuldet und steckt in einer Rezession. Die Banken verlangen vom Staat Hilfen, Experten zufolge ist das Geld dafür aber nicht da. Die Schätzungen reichen von weniger als 50 Milliarden Euro bis zu 100 Milliarden, die der Bankensektor benötigt. Allein die Krisenbank Bankia will vom Staat für ihre Sanierung allerdings mehr als 23 Milliarden Euro.
Das Land kann sich wegen des Misstrauens der Finanzmärkte nur noch zu steigenden Zinsen Geld leihen. Bei einer Anleiheauktion in dieser Woche musste Spanien Zinsen von 6,044 Prozent bieten. Ein Niveau von über 7,0 Prozent gilt nach Ansicht von Experten als auf Dauer nicht tragbar. Portugal und Irland waren bei ähnlichen Größenordnungen unter den Euro-Rettungsschirm geschlüpft. Künftig könnte es für Madrid sogar noch schwieriger werden, sich frisches Geld zu besorgen. Die Ratingagentur Fitch stufte die Kreditwürdigkeit Spaniens am Donnerstag deutlich herab. Die Bonität des Landes wird nur noch zwei Stufen über Ramsch-Niveau bewertet.
Wie Portugal oder Irland könnte das Land mit voller Konsequenz unter den europäischen Rettungsschirm EFSF schlüpfen. Eine andere und derzeit wahrscheinlichere Option: Spanien bittet beim EFSF nur um Hilfen für seine maroden Banken. Dies ist seit dem vergangenen Jahr möglich.
Beantragt Spanien nur Gelder für seine Finanzinstitute, muss das Land Experten zufolge in erster Linie nur Auflagen für sein Bankensystem akzeptieren. Anders als in Griechenland, Irland und Portugal stünde nicht notwendigerweise die gesamte Wirtschaftspolitik unter der Kontrolle der Sparkommissare von EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, der sogenannten „Troika“. „Die Aufsicht über seinen Bankensektor wird Spanien aber de facto verlieren“, meint Ökonom Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft.
„Das Hilfegesuch könnte als Eingeständnis gewertet werden, dass man tatsächlich unüberwindliche Probleme hat und das Vertrauen in die spanischen Staatsfinanzen könnte gänzlich schwinden“, sagt Boysen-Hogrefe. Ökonomen der Commerzbank schließen genau aus diesem Grund nicht aus, dass Spanien gezwungen sein könnte, nach der Bankenhilfe doch noch mit voller Konsequenz unter den Rettungsschirm zu schlüpfen. Die Frage in den kommenden Wochen werde daher sein, „ob Spanien auch einen allgemeinen Hilfsantrag stellen muss“.
Zunächst einmal gar nichts. Erst wenn ein gestütztes Land zahlungsunfähig wird und seine Kredite nicht mehr bedienen kann, würden die Steuerzahler hierzulande zur Kassen gebeten. Die Summen, um die es gehen könnte, wirken auf den ersten Blick gigantisch. Die Euro-Länder garantieren für insgesamt 780 Milliarden Euro des EFSF. Der deutsche Anteil beträgt bis zu 253 Milliarden Euro. Von den maximal möglichen 440 Milliarden Euro an Notkrediten des EFSF stehen noch rund 250 Milliarden Euro zur Verfügung, der Rest ist für Hilfen an Irland und Portugal sowie für das zweite Griechenland-Rettungspaket verplant.
Was müsste also geschehen?
Man müsste bei der Rekapitalisierung der Banken viel radikaler vorgehen, wie es ausgerechnet die erzkapitalistischen Länder USA und England vorgemacht haben: die Banken müssten zwangsweise Kapitalerhöhungen vornehmen, so dass ein Teil des Nutzens der Rettungsaktionen auch an die Öffentlichkeit und die Staaten zurückfließt und die Altaktionäre an dem von ihnen verursachten Schaden beteiligt werden.
Im Juli 2011 hatten die Staats- und Regierungschefs der EU beschlossen, der Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) zusätzliche Möglichkeiten zur Unterstützung von Euro-Ländern in die Hand zu geben. Seitdem kann die EFSF nicht nur klammen Staaten, die sich einem umfassenden Reformprogramm unterwerfen, Kredite gewähren, wenn sie sich kein Geld mehr am Kapitalmarkt borgen können („großer Rettungsschirm“). Möglich ist nun, dass der EFSF auch einem Nicht-Programm-Land Geld zur Rekapitalisierung seiner Banken gibt („kleiner Rettungsschirm“). Bisher wurde der kleine Rettungsschirm nicht in Anspruch genommen. Im Fall des „Programm-Landes“ Irland sind aber 35 der insgesamt zugesagten 85 Milliarden Euro für die Banken bestimmt.
Wie beim großen ist auch beim kleinen Rettungsschirm die Hilfe an Reformauflagen geknüpft, die die Regierung mit der Troika aus EU, EZB und IWF vereinbaren müsste. Allerdings würden sich die Auflagen vornehmlich auf den Bankensektor beschränken - und den muss die Regierung ja sowieso auf Vordermann bringen. Eine direkte Rekapitalisierung spanischer Banken durch die EFSF unter Umgehung der Regierung und ohne Reformauflagen für den Finanzsektor ist nicht möglich. Dafür müsste der EFSF-Rahmenvertrag der 17 Euro-Regierungen geändert werden, was lange dauern würde. Außerdem lehnen Deutschland und andere Länder eine Aufweichung des Prinzips „Hilfe nur gegen Reformen“ strikt ab.
Sollte Spanien den kleinen Rettungsschirm nutzen, würde die Regierung das Geld dem spanischen Bankenrettungsfonds FROB geben, der die Rekapitalisierung technisch abwickeln würde. Aus gesichtswahrenden Gründen könnte die Regierung argumentieren, das EFSF-Geld fließe an den FROB und nicht in die Staatskasse.
Zurzeit prüft die spanische Regierung in Zusammenarbeit mit dem IWF, welchen Kapitalbedarf die Banken überhaupt haben. Ergebnisse werden am 11. Juni erwartet. Zudem stehen noch Gutachten anderer unabhängiger Prüfer aus. Erst danach will die Regierung entscheiden, wie sie die Geldinstitute stützen will.
Die Turbulenzen im spanischen Bankensektor treiben die Renditen für die an den Börsen umlaufenden Staatsanleihen des Landes in die Höhe. Für zehnjährige Papiere sind es derzeit gut 6,2 Prozent. Einen direkten Einfluss auf die Zinsen, die das Land für neue Anleihen bieten muss, haben die Renditen nicht. Sie sind aber ein Indiz dafür, dass das Land den Käufern einen höheren Zins als bisher zahlen muss, damit sie weiter zugreifen. Finanzminister Cristobal Montoro warnte deshalb, die Märkte seien zurzeit de facto für Spanien nicht zugänglich.
Auch hier könnte die EFSF helfen und der Regierung eine vorsorgliche Kreditlinie gewähren. Auch in diesem Fall müsste sich das Land noch nicht einem umfassenden makroökonomischen Reformprogramm unterwerfen, sondern allenfalls „Auflagen light“, die Verhandlungssache wären. Die Regierung könnte den Märkten damit signalisieren, dass Hilfe bereitsteht, wenn sie gebraucht würde, und damit möglicherweise die Renditen drücken. Benötigt die Regierung das Geld irgendwann tatsächlich, würden allerdings im Gegenzug weitere Reformauflagen durch die Geldgeber erfolgen.

"HB: Welches Land könnte als nächstes unter den Rettungsschirm flüchten?
Otte: Vielleicht trifft es Portugal.“ [sic!]
=> Nur zur Erinnerung, Herr „Krisenökonom“ und antimarktwirtschaftlicher Bankenretter Otte:
Portugal IST schon seit einem Jahr unter dem EFSF-Schirm...
Aber beim aktuellen Tempo kann auch ein "Experte" da schon mal durcheinanderkommen. Gestern Spanien und Zypern - und heute wird schon Italien debattiert...

@Bernd: also aus psychologischer Sicht ist dies nicht unbedingt richtig.
Angst kann ein deutliches Zeichen sein, dass man aufpassen muss. Wenn ich keine Angst vor dem Säbelzahntiger habe, dann laufe ich auch nicht rechtzeitig weg. Angst (es gibt verschiedene Formen) kann eine äusserst wichtige Signalfunktion sein.
Andere Formen von Angst sind irreal, also gilt es schon zu schauen, was für eine Angst man hat. In dem hier vorliegenden Falle ist es eine reale Angst (=Signalfunktion). Wenn sie irreel wäre, dann würden die Zahlungsanforderungen nicht immer schneller und höher sein bzw. die Krise sich nicht ausbreiten, wie dies hier doch deutlich der Fall ist.
Genauso wie Kritik. Auch diese hat in Systemen eine äusserst wichtige Funktion, weil sie kybernetisch gesehen letztendlich dem Erhalt des Systems dient.

@ Margit
Angst ist der schlechteste aller Ratgeber.
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