Krisenstimmung
Wahlkampf lähmt Indien

Die weltgrößte Demokratie steckt im Wahlkampf - und in der Krise. Um die Wähler nicht zu verprellen, halten sich die Politiker derzeit mit wichtigen Entscheidungen zurück. Die Wirtschaft hofft auf ein klares Mandat, denn ein instabiles Ergebnis könnte den heimischen Markt schwächen.

DELHI. Die Inder sind stolz auf ihre Demokratie. Ihre Politiker dagegen halten sie für kriminell und korrupt, die alle fünf Jahre fälligen Parlamentswahlen nennen sie respektlos "das politische Theater". Bald wird dieses Theater wieder aufgeführt, dieses Mal jedoch mitten in einer Weltwirtschaftskrise. Ausgerechnet jetzt richtet Asiens drittgrößte Volkswirtschaft den Blick nach innen und ist für Monate praktisch handlungsunfähig. Denn während des Wahlkampfs darf die Regierung keine wichtigen Entscheidungen mehr treffen. Diese offizielle Verbot soll kostspielige Wahlgeschenke kurz vor der Wahl verhindern - eine durchaus begründete Vorsichtsmaßnahme.

Eine regierungsunabhängige Kommission hatte vor wenigen Tagen die Termine für den Urnengang festgelegt und den Startschuss für einen kurzen, aber umso geräuschvolleren Wahlkampf gegeben. Vom 16. April bis zum 13. Mai wählen 714 Millionen Inder an fünf regional verschiedenen Terminen ihre Abgeordneten für die Lok Sabha, das Unterhaus des Parlaments.

Die von der Kongresspartei angeführte Regierungskoalition hat in jüngster Zeit viel von ihrem anfänglichen Wahloptimismus verloren. Nach einem beispiellosen Wirtschaftsboom mit Zuwachsraten um die neun Prozent während der vergangenen Jahre hat die Krise jetzt auch Indien voll erfasst. Im vierten Quartal 2008 brach das Wachstum auf 5,3 Prozent ein, eine halbe Million Menschen verloren ihren Job.

Die Angst vor der Arbeitslosigkeit und ein schlechtes Jahr in der für Indien zentralen Landwirtschaft haben den Blick der Wähler auf die Defizite der Regierung gelenkt: Die gebrochenen Versprechen beim Ausbau der maroden Infrastruktur, ein teures aber weitgehend wirkungsloses Arbeitsbeschaffungsprogramm für die arme Landbevölkerung, die Schwächen im Kampf gegen den Terror, die in den Anschlägen auf Bombays Luxushotels Ende November gipfelten.

Doch der wichtigste Gegenspieler der Kongresspartei, die hindu-nationale Bharatiya Janata (BJP), hat ebenfalls massive Probleme. Seit dem Verlust der Regierungsmacht 2004 arbeitet sie sich an einem erbitterten Streit zwischen religiösen Hindu-Ideologen und säkularen Marktliberalen ab. Ihr Spitzenkandidat, der 81-jährige Lal Krishna Advani, ist ein Kompromiss, der die internen Konflikte der BJP zwar kurzfristig ruhig gestellt, aber nicht wirklich behoben hat.

Ein Führungsproblem hat aber auch die Kongresspartei. Ihr bisheriger Premier Manmohan Singh (76) hatte kürzlich seine dritte Bypass-Operation. Trotz rascher Genesung ist unklar, ob er die Kraft für eine weitere Amtszeit hat. Es wird deshalb spekuliert, dass Parteichefin Sonia Gandhi im Falle eines Wahlsiegs nach einer Übergangsfrist ihren Sohn Rahul mit den Regierungsgeschäften betrauen könnte. Der 39-jährige Enkel Indira Gandhis ist zwar bei Indiens Jugend beliebt, doch als Wahlkämpfer eine Niete. Im Heimatstaat der Gandhi-Dynastie, Uttar Pradesh, fuhr er als Spitzenkandidat der Landtagswahl 2007 eine desaströse Niederlage ein.

Seite 1:

Wahlkampf lähmt Indien

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%