Kritik an Merkels Euro-Kurs
„Deutschland profitiert von den Schmerzen Europas“

Deutschland habe wohl seine eigene Geschichte vergessen, sagt der US-Autor und Ökonom Robert Kuttner. Im Interview kritisiert er Merkels Euro-Politik und spricht über die Angst der Amerikaner vor der Krise in Europa.  
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WashingtonHerr Kuttner, in den USA macht man sich große Sorgen über Europa. Entscheidet die Euro-Krise über Wohl und Wehe der US-Wirtschaft?
Die wirtschaftliche Erholung in den USA ist sehr wackelig, und die Euro-Krise ist eines der Gewichte, die auf uns lasten. Unser Export leidet darunter, ebenso die Aktienmärkte.

Sie gehören zu einer Phalanx aus US-Ökonomen und Politikern, die von Europa fordern, mehr Geld in die Hand zu nehmen. Dabei sind die USA selbst bis über beide Ohren verschuldet. 

Unsere Verschuldungsquote kann durchaus noch erhöht werden. Um die wirtschaftliche Erholung wirklich in Gang zu bekommen, wäre das okay, die Finanzierungskosten sind ja niedrig. Jetzt ist die Zeit, Geld in die Infrastruktur zu stecken. Doch sowohl Demokaten als auch Republikaner sagen, wir müssen das Defizit verringern. Ich sage: Wenn alle gleichzeitig den Gürtel enger schnallen, wer soll dann noch die ganzen Produkte kaufen?

Europas Politiker reagieren zunehmend gereizt auf Ratschläge aus Washington. Die Probleme hätten schließlich in den USA begonnen.

Das stimmt, unser erfolgeichstes Exportgut sind immerhin toxische Finanzprodukte (lacht). Aber das heißt ja nicht automatisch, dass sparen deshalb jetzt eine gute Politik ist. Präsident Obama schafft es allerdings nicht, den Europäern dies zu erklären. Überhaupt hat er, der Präsident des wohl mächtigsten Landes der Welt, ungefähr so viel Einfluss auf Europa wie ich. Gleich null.

Sie gehören in Amerika zu den lautesten Kritikern der deutschen Euro-Politik. Sie nannten sie „egoistisch“ und „verrückt“. Was macht Frau Merkel falsch?

Mit „verrückt“ meinte ich, dass das deutsche Drängen auf Sparsamkeit ökonomisch absolut keinen Sinn ergibt. Die ganzen Mechanismen, die die Euro-Länder disziplinieren sollen – etwa der Fiskalpakt – wird gerade jetzt die Depression nur noch verstärken. Aber der Sparkurs ist etwas, an das Kanzlerin Merkel wirklich glaubt, außerdem fühlt sie sich innenpolitisch dazu gezwungen: Die Deutschen haben die Schuldenbremse eingeführt, sie mussten in den vergangenen Jahren den Gürtel enger schnallen, Stichwort Hartz 4. Und sie wollen nicht, dass die EU zu einer Transferunion wird. Das kann ich auch verstehen und ich will Griechenland nicht entschuldigen. Aber es ist eben keine vernünftige Politik.

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"Jetzt geht es um das Timing"

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  • Tatsache ist, das Deutschland derzeit das führende Euroland ist, das auch wirklich an einer Lösung für Gesamteuropa arbeitet. Wenn man Länder wie beispielsweise Griechenland nimmt, welche immer nur über die Deutschen wettern und das diese zu wenig tun, kann man zweifellos erkennen das diese Länder weiterhin nicht gelernt haben, dass man erst vor der eigenen Haustüre kehren sollte bevor man sich über den Schmutz anderer Länder das Maul zerreißt . Deutschland könnte sehr einfach sagen, wir halten uns da raus und kümmern uns zuerst um unsere eigenen Probleme, die ja nun wirklich nicht klein sind, aber das tun wir nicht. Bis heute kämpfen wir an den Folgen der Wiedervereinigung und auch die Finanzkrise, welche in Amerika seinen Ursprung nahm, ist bei weitem auch nicht für Deutschland überstanden. Krisenländer wie Griechenland, Spanien, Italien aber gerade auch Amerika sollten mal in sich kehren und sich ein Beispiel an Ländern wie Japan nehmen, welche nach einem verheerendem Unglück nicht ihre Zeit damit verschwenden zu jammern, um Mitleid heucheln und wie schlecht es einem doch geht, sondern wo alle mit anpacken und gemeinsam von einer Lösung überzeugt sind. Gerade von Ländern wie Japan kann man unglaublich viel lernen und von Ländern wie Griechenland und den USA kann man zweifellos erkennen, dass nur sehr wenige wirklich an einer Lösung Interesse zeigen und vielmehr daran glauben „Irgendwer wird’s schon richten“

  • Leser2003
    Liebes Handelsblatt,
    wie die Kommentare zeigen, sind die meisten deiner Leser KEINE Landesbanker.
    Also verschone uns bitte mit dem Angebot intellektueller Schrottpapiere aus dem Reich des Verbriefungs-Bösen!

    ...........

    @Leser2003
    ich habe schon tausende von Kommentaren gelesen, aber Ihren verstehe ich überhaupt nicht.

    Ich bin KEIN Landesbanker, das ist das einzige, was ich vsrstehe.
    Mich ärgert, wenn jemand so einen Schrott von sich gibt, den nur Insider verstehen sollen

  • Der “Normalbürger” fängt erst dann mit dem Denken an, wenn er persönlich betroffen ist, d. h. wenn es auch in Deutschland wieder zu Massenentlassungen kommt. Im Unterschied zu 2009 wird der bevorstehende wirtschaftliche Zusammenbruch in “dieser Welt” (Zinsgeld-Ökonomie) nicht mehr aufzuhalten sein, denn weitere staatliche “Konjunkturpakete” sowie Kurzarbeit sind nicht mehr zu finanzieren, und auch der deutsche Staat wird seine Bonität einbüßen. Bis dahin kann sich der “Normalbürger” unter der folgenden Weisheit nicht das Geringste vorstellen:

    “Der Kurzsichtige ist selbstsüchtig, der Weitsichtige wird in der Regel bald einsehen, dass im Gedeihen des Ganzen der eigene Nutz am besten verankert ist.”

    Silvio Gesell (Vorwort zur 3. Auflage der “Natürlichen Wirtschaftsordnung”)

    Es gibt keine “Sicherheit durch Besitz”. Die einzige echte Sicherheit in einer zivilisierten Gesellschaft ist eine – gerecht – funktionierende Arbeitsteilung! Damit die Arbeitsteilung – absolut gerecht und zeitlich unbegrenzt – funktioniert, müssen die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (die Geld- und Bodenordnung) so eingestellt werden, dass unverdiente Knappheitsgewinne auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Zinsen, Renditen und private Bodenrenten) sich eigendynamisch auf Null regeln, was nichts anderes bedeutet als die Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus – der eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation: http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/01/2012.html

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