Kritik an Papst-Dekret
Papst provoziert neue Eiszeit mit Juden

Die Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen um den traditionalistischen Erzbischof Marcel Lefebvre durch Papst Benedikt XVI. droht zu einer neuen Eiszeit im Verhältnis zwischen Juden und Katholischer Kirche zu werden. Der Grund: Gegen einen von ihnen, Richard Williamson, wird wegen Leugnung des Holocaust ermittelt.

dne/HB DÜSSELDORF/ROM. "Papst Benedikt hat mit diesem schier unfassbaren Akt von Provokation gegenüber den Juden einen schweren Fehler begangen", sagte der Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, am Sonntag im Gespräch mit Handelsblatt.com. "In jedem Fall kommt es nahezu der Aufkündigung des Dialogs mit dem Judentum gleich, wenn nun eine dezidiert judenfeindliche Gruppe, die erst vor wenigen Wochen in einem offiziellen Brief die Juden wiederum als 'Gottesmörder' bezeichnete, offiziell in den Schoß der Kirche zurück geholt wird."

Ein Vatikansprecher hatte am Samstag das Papst-Dekret verteidigt und gesagt, bei der Entscheidung gehe es ausschließlich darum, die Anhänger der Bruderschaft Pius X. wieder zu integrieren. Über die Äußerungen eines der Rehabilitierten, Richard Williamson, müsse auf anderer Ebene gerichtet werden. Gegen Williamson wird wegen Leugnung des Holocaust ermittelt. In einem Fernsehinterview hatte der Brite gesagt, historische Fakten sprächen gegen die Existenz von Gaskammern. Es seien nicht sechs Millionen Juden von den Nazis ermordet worden, sondern 200 000 bis 300 000 - aber keiner von ihnen in Gaskammern.

Vor allem bei jüdischen Organisationen sorgte Benedikts Entscheidung für Entsetzen. Williamson sei eine "klar antisemitische Person" und die Rücknahme der Exkommunikation "ein Schritt, der die gesamte Kirche verseucht", zitierte die italienische Nachrichtenagentur Ansa den Rabbiner David Rosen, der auf höchster Ebene am jüdisch-katholischen Dialog beteiligt ist. Unverständnis äußerte auch der Präsident der italienischen Rabbiner, Giuseppe Laras. Dieser nicht notwendige Schritt des Vatikans sei in einer heiklen Phase des jüdisch-christlichen Dialogs getan worden. "Wir können nicht in den Kopf des Papstes sehen, wollen das auch nicht, aber das ist sicher kein Handeln, das Entspannung bringt."

Zentralratsvize Graumann bezeichnete den Umstand, dass zu den rehabilitierten Ex-Bischöfen Richard Williamson gehört als "geradezu unfassbar". "Wer einen Holocaust-Leugner ehrt, entehrt sich selbst", sagte er. Damit werde der Kurs von Versöhnung zwischen Juden und Katholiken, der weit vorangeschritten war, "nun um Jahrzehnte, fast schon in die Steinzeit von kirchlichem Antijudaismus, zurückgeworfen", fügte Graumann hinzu. "Dass nun ausgerechnet sogar ein deutscher Papst eine neue Eiszeit zwischen Juden und Katholischer Kirche heraufbeschwört und mit diesem Kurs von Aussöhnung zumindest leichtfertig bricht, das ist ganz besonders schmerzlich, verwunderlich und verurteilenswert", so Graumann weiter.

Grauman verwies in diesem Zusammenhang auf das gute Verhältnis zwischen Juden und Katholiken unter dem früheren Papst Johannes Paul II. Dieser habe "mit aller Kraft, mit Herzlichkeit und Überzeugung für die Versöhnung zwischen Juden und Katholiken gewirkt", sagte er. "Seine Taten und Worte wärmen unsere Herzen bis heute."

Johannes Paul II. hatte die von Lefebvre geweihten Bischöfe exkommuniziert, weil er darin eine Kirchenspaltung, ein Schisma, sah. Benedikt bemüht sich seit Beginn seines Pontifikats um eine Annäherung. Er machte den Traditionalisten bereits im Juli 2007 Zugeständnisse, indem er die alte Liturgie wieder zuließ. Auf Wunsch der Gläubigen kann der Gottesdienst seither wieder nach der alten, tridentinischen Messform gefeiert werden.

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