Kritik an Premier Thaksin wächst
Thailands Wirtschaft fällt zurück

Jahrelang schien Thaksin Shinawatra unbezwingbar. Doch seit er Anfang des Jahres versuchte, den Ausbruch der Vogelgrippe zu vertuschen, steckt Thailands Premier in einer Pechsträhne: Die Wirtschaft kühlt schneller als erwartet ab, im Süden geben islamische Separatisten keine Ruhe, und Kritiker beschuldigen den Telekom-Tycoon immer lauter, Amt und Privatinteressen zu vermischen.

NEU DELHI. Das Wirtschaftswachstum, im Vorjahr noch bei sieben Prozent, fiel in den ersten beiden Quartalen auf 6,6 bzw. 6,3 Prozent zurück. „Thailands Wachstumsmotor gerät ins Stottern,“ sagt UBS-Volkswirtin Christa Janjic. Wie viele Analysten hat sie ihre BIP-Prognosen scharf nach unten korrigiert. Langfristig erwartet sie nur vier bis fünf Prozent Wachstum – wenig für die Region.

Aus Bangkoks Börse ist bereits viel Luft entwichen: Sie ist dieses Jahr Asiens Schlusslicht. Manche Analysten fürchten, die kürzlich erfolgte Zinswende der Zentralbank könne die staatlich geförderte, heftige Kreditexpansion der letzten Jahre beenden. Sorgen vor einem bösen Erwachen schürte die staatliche Krung Thai Bank: Die zweitgrößte Bank des Landes wurde von den Währungshütern für einen Rückfall in lasche Kreditstandards gerügt. Ähnliche Zeitbomben könnten bei anderen Banken ticken. „Eine Krise wie 1997 droht Thailand aber nicht,“ beschwichtigt Janjic.

Auch in der Politik musste Thaksin eine empfindliche Niederlage hinnehmen: Ein Kandidat der oppositionellen Demokraten wurde zum Gouverneur Bangkoks gewählt. Dass die Demokraten erstmals die Hauptstadt regieren, interpretiert die Zeitung „The Nation“ als Zeichen wachsenden Unmuts mit einem Premier, dessen „diktatorische Neigungen“ die Mittelschicht vergrätze. Der Sieg hat für die Demokraten hohen Symbolwert. Die Partei braucht dringend einen Katalysator für eine Runderneuerung. Seit ihrer Abwahl vor vier Jahren liegt sie in Trümmern. Damals wurden die Demokraten für das unpopuläre IWF- Programm abgestraft, zu dem die Regierung im Strudel der Asienkrise griff. Führungskämpfe lassen die Opposition seitdem ins Abseits driften.

Angesichts der schwachen Opposition muss Thaksin die Anfang 2005 anstehen Neuwahlen nicht fürchten. „Er bekommt eine zweite Amtszeit,“ sagt Michael Montesano, Politikprofessor an der National University of Singapore. Bei der Mehrheit bleibe der Premier trotz aller Rückschläge populär. „Aber das Image des unbezwingbaren Supermanns hat er verloren,“ schränkt Montasano ein. Selbst Thaksins Plan, den FC Liverpool mit Steuergeldern zu kaufen, scheiterte.

Auch beim Umgang mit den nicht abreißenden blutigen Unruhen im Süden macht Thaksin keine gute Figur. Das kostet ihn mehr Ansehen als Vogelgrippe und Kumpelkapitalismus-Vorwürfe. Morde, Brandstiftung und Bombenanschläge sind in den drei mehrheitlich moslemischen Provinzen entlang der Grenze mit Malaysia Alltag geworden. Seit Januar fielen dem Konflikt über 300 Menschen zum Opfer. Der Premier ist bekannt dafür, mit einfachen Lösungen schnelle Erfolge zu suchen und komplizierte Probleme auszusitzen. „Selbst den Aufstand im Süden wünscht er einfach weg“, sagt Montesano. Er sieht die Gefahr einer „Gewaltspirale“ zwischen der moslemischen Minderheit des Landes und seiner buddhistischen Mehrheit. Diese könne außer Kontrolle geraten, falls die Regierung weiter auf Repressalien setzt.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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