Kritik an unkoordiniertem Einsatz
Afghanistan braucht mehr Soldaten

Die Nato-Staaten müssen ihre Präsenz in Afghanistan nach Ansicht des neuen US-Oberkommandierenden Stanley McChrystal deutlich erhöhen. Dies ist die Botschaft eines Berichts, den der General im August vorlegen wird. Damit wächst der Druck auf die Europäer, sich stärker in der Internationalen Schutztruppe Isaf zu engagieren.

WASHINGTON. Nach Auffassung von Sicherheitsexperten in Washington wird McChrystal in seiner Lageeinschätzung sowohl eine Aufstockung der militärischen als auch der zivilen Kräfte fordern.

Spaniens Premier José Luis Rodríguez Zapatero hat in einem Interview mit der Zeitung "International Herald Tribune" am Donnerstag bereits reagiert und angekündigt, die Zahl der 8 000 am Hindukusch stationierten spanischen Soldaten aufzustocken. Die USA hatten mit der Erhöhung ihres Truppenkontingents bereits vor Monaten begonnen. Bis Ende des Jahres sollen 68 000 US-Soldaten in Afghanistan Dienst tun. Das entspräche mehr als einer Verdopplung der Soldaten, verglichen mit dem Stand von 32 000 Ende 2008. Deutschland ist mit mehr als 4 000 Soldaten nach den USA und Großbritannien derzeit der drittgrößte Truppensteller.

Wie viele Soldaten zusätzlich benötigt werden, hängt entscheidend vom Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte ab. "General McChrystal wird sehr wahrscheinlich vorschlagen, die Obergrenze für die afghanische Armee und Polizei erheblich zu erhöhen - voraussichtlich auf insgesamt 350 000 Mann", sagte Michael O?Hanlon vom Think-Tank Brookings. "Nötig wären aber sogar 250 000 afghanische Soldaten und 150 000 Polizisten", fordert John Nagl, Präsident des Center for a new American security (CNAS).

Damit die afghanischen Sicherheitskräfte einen größeren Anteil des Kampfs gegen die radikal-islamischen Taliban übernehmen können, muss aber auch die Zahl der militärischen Ausbilder aufgestockt werden. In Washington wird deshalb erwartet, dass der Bedarf an zusätzlichen US-Soldaten eine fünfstellige Zahl erreichen könnte. Dabei gibt es wenig Zweifel, dass die US-Regierung die Wünsche von McChrystal, der erst vor wenigen Wochen überraschend den glücklosen General David McKiernan abgelöst hat, erfüllen wird.

McChrystals Berater Anthony Cordesman, der gerade von einer Reise nach Afghanistan zurückgekehrt ist, zeichnete am Mittwoch ein sehr ernüchterndes Bild von der Situation am Hindukusch. Der Westen habe in den vergangenen sieben Jahren ohne Strategie agiert und die Region vernachlässigt. Cordesman, der 2008 dem Wahlkampfteam von John McCain angehörte, beklagt vor allem die fehlende Koordination sowohl bei den Aufgaben wie auch den einzelnen Akteuren in Afghanistan. "Was eigentlich ein integrierter ziviler und militärischer Ansatz sein sollte, ist tatsächlich ein verschwenderisches Durcheinander, das zusätzlich noch von Bürokratie begleitet wird", sagte er bei einem Briefing im Center for Strategic and International Studies in Washington.

Auch wenn die Obama-Administration es bisher ausdrücklich vermieden hat, die europäischen Verbündeten öffentlich zu stärkeren Anstrengungen zu drängen, wird nun damit gerechnet, dass sich Europa einem größeren Engagement kaum entziehen kann. Als ersten Schritt könnten die Nato-Staaten ihre zusätzlichen Truppen, die sie zur Absicherung der Präsidentschaftswahlen am 20. August nach Afghanistan schicken, dort bis auf weiteres belassen.

McChrystal hatte vergangene Woche in einem Interview deutlich gemacht, dass sich der Krieg in Afghanistan an einem Wendepunkt befinde: "Jeder beobachtet, wie es weitergeht - jeder, die USA, Europa, die Taliban, die Menschen in Afghanistan." Die nächsten Monate würden darüber entscheiden, ob der Westen mit seiner neuen Strategie die Menschen in Afghanistan überzeugen könne, dass man am Hindukusch wirklich zu einem Erfolg kommen wolle. Oberste Priorität habe deshalb zunächst, den Schutz und die Sicherheit der Bevölkerung zu gewährleisten, sagte der General.

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