Kritik an Wirtschaftspolitik
Russlands Einfluss besorgt London

In London wächst das Unbehagen über die Rolle russischer Unternehmen auf Europas größtem Finanzmarkt. Zwar profitiert die Finanzbranche stark davon, dass Firmen aus der früheren Sowjetunion an die Londoner Börse drängen, doch werden die Klagen über den Einfluss der russischen Regierung und Mängel in der Unternehmensführung lauter.

LONDON. „Londons wohl verdienter Ruf als führendes Finanzzentrum droht vom jüngsten Zustrom ausländischer Emittenten bedroht zu werden, deren Standards nicht den Erwartungen der Anleger entsprechen,“ sagt Karina Litvack, Leiterin der Abteilung für gute Unternehmensführung des großen institutionellen Investors F&C Asset Management.

Die Kritik entzündet sich vor allem am geplanten Börsengang des Ölriesen Rosneft. Zugleich ringt die Regierung aber auch mit der Frage, ob sie das Werben des Energiekonzerns Gazprom um den größten britischen Versorger Centrica gutheißen soll.

London ist zum wichtigsten ausländischen Anlaufpunkt von Firmen aus Russland und der ganzen ehemaligen Sowjetunion geworden. Der Zugang zu internationalem Kapital ist hier so gut wie in New York, doch die Regularien für eine Börsennotierung weniger anspruchsvoll. Mit dem kasachischen Kupferproduzenten Kazakhmys hat es vor kurzem sogar ein Unternehmen aus der Region in die erste Börsenliga, den FTSE-Index der 100 führenden Werte, geschafft.

Die Welle russischer Börsengänge folgte einer ersten Welle, in der vor allem Oligarchen kamen, die mit der Regierung über Kreuz lagen oder das internationale Flair an der Themse genießen wollten. Auf der Reichen-Liste der „Sunday Times“ belegen viele von ihnen vordere Plätze. Unter den ersten zehn finden sich Roman Abramowitsch, dessen Spendierfreude den Fußballclub Chelsea zur Nummer eins in England aufsteigen ließ und Leonard Blavatnik, der sein Vermögen unter anderem als Partner des britischen Ölriesen BP im Joint-Venture TNK-BP machte.

In ihrem Gefolge zog es viele weitere Russen nach London, als Neu-Briten oder auch in Zweitresidenzen. Die guten Schulen und Universitäten und die sehr vermögenden Neubürgern wohl gesonnenen Steuerbehörden nennen Kenner der Szene als größte Trümpfe der Metropole. Vor allem aber ist London ein sicherer Hafen – der Fall des Oligarchen Michail Chodorkowskij, der nach einer Kraftprobe mit Präsident Wladimir Putin im Gefängnis sitzt, galt manchem als mahnendes Beispiel.

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