Kritik an zahmer Haltung im Iran-Konflikt
USA reagieren kühl auf Nobelpreisvergabe

Die Entscheidung den Generaldirektor der internationalen Atomenergiebehörde mit dem Friedensnobelpreis 2005 auszuzeichnen löste überwiegend Zustimmung aus. Washington klagt allerdings über el Baradeis angeblich zu lasche Gangart gegenüber dem Iran.

GENF. Mohammed el Baradei hat eine Mission: Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien will die Welt vor einem nuklearen Krieg bewahren. Das Nobelkomitee in Oslo hat ihn dafür belohnt. Der 63-Jährige Ägypter erhält den Friedensnobelpreis 2005. Zusammen mit dem Ägypter wird auch die IAEA ausgezeichnet. Die Entscheidung löste international überwiegend Zustimmung aus.

Mit schlichten Worten und Tränen in den Augen reagierte der Karrierediplomat auf die Nachricht. „Ich danke Ihnen“, sagte er an die Adresse der Preisverleiher. Er fühle sich nun ermutigt, seinen Kampf gegen die Proliferation von Atomwaffen fortzusetzen.

Seit 1997 steht der Professor für Völkerrecht an der Spitze der IAEA. Um die Weiterverbreitung zu verhindern, schickt der Araber hunderte Kontrolleure rund um die Erdkugel. Die Atompolizisten prüfen, ob die Länder die Kernerenergie nur zu friedlichen Zwecken einsetzen. Denn dazu haben sich fast alle Regierungen im Atomwaffensperrvertrag verpflichtet. Nur die USA, Frankreich, Großbritannien, China und Russland dürfen die Bombe besitzen.

Doch inzwischen gehören mindestens drei weitere Staaten zum Club der Atommächte: Indien, Pakistan und Israel. El Baradeis Teams dürfen dort nicht nach dem rechten sehen. Denn das Trio gehört dem Atomwaffensperrvertrag nicht an.

Auch streben Terrornetzwerke nach der gefährlichsten aller Waffen. Zudem herrscht auf dem internationalen Schwarzmarkt für die Komponenten der Atombombe reges Treiben „Der nukleare Geist ist längst aus der Flasche“, klagt el Baradei. Und er ahnt: Es sei fast unmöglich, ihn wieder zurückzudrängen.

Doch el Baradei versucht es. So verlangt er beharrlich von den Regierungen, den Atomwaffensperrvertrag zu verschärfen. Das 35 Jahre alte Dokument reiche nicht mehr aus, um die nuklearen Gefahren zu bannen. Auch bei Möchtegernatommächten wie dem Iran und Nordkorea wirbt el Baradei um Vernunft.

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Er, der 1964 seinen ersten Job im Außenministerium in Kairo antrat, setzt immer auf Diplomatie. Gewalt und Drohgebärden sind dem zweifachen Familienvater zuwider. Deshalb zog sich el Baradei den Zorn der US-Administration zu. Als Präsident George W. Bush der Welt erzählte, dass der Irak Massenvernichtungswaffen versteckt, schüttelte der Araber el Baradei den Kopf. Der IAEA-Chef hatte keine Verdachtsmomente gegen Bagdad – er behielt Recht. Nach der Vertreibung Saddam Husseins suchten die Amerikaner vergeblich nach den vermeintlichen ABC-Arsenalen im Zweistromland.

Heute klagt Washington über el Baradeis angeblich zu lasche Gangart gegenüber dem Iran. Genervt reagieren die Bush-Leute auch auf el Barardeis ständige Appelle zur atomaren Abrüstung. Der IAEA-Chef beruft sich auf den Sperrvertrag. Darin verpflichten sich die fünf offiziellen Atommächte, ihre nuklearen Arsenale abzuschaffen. Nur sie tun es nicht.

Als el Barardei zur Jahreswende 2004/2005 für eine dritte Amtszeit an der Spitze der IAEA kandidierte, waren die USA dagegen. Das Bush-Team schaffte es aber nicht, genügend Verbündete gegen den ungeliebten Atominspekteur zu gewinnen. Washington brachte es auch nicht fertig, einen eigenen Kandidaten für den Job zu finden. Niemand wollte gegen den anerkannten Fachmann antreten.

Der Mann aus Kairo konnte vor allem auf die Unterstützung der Europäer in der IAEA zählen. Auch Deutschland setzte sich für ihn ein. Zuletzt setzte Washington den US-Geheimdienst auf el Baradei an. Agenten hörten seine Telefonate ab, mussten aber Fehlanzeige melden. Kein kompromittierendes Wort ging über el Baradeis Lippen. Zerknirscht gaben die Amerikaner ihren Widerstand auf, im September bestätigte die Wiener Behörde el Baradei für vier Jahre als ihren Chef.

Auf den Nobelpreis reagierte Washington kühl. Außenministerin Condoleezza Rice ließ ein Kommuniqué aufsetzten, indem sie el Baradei und der IAEA pflichtschuldig gratulierte. Die Chefin des State Department konnte sich aber nicht dazu durchringen, el Baradei zu würdigen. Sonst jedoch wurde die Wahl durchgehend gutgeheißen – von Uno-Generalsekretär Kofi Annan über den britischen Premier Tony Blair bis zur Bundesregierung.

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