Kuba
Eine Million Staatsdiener in die Privatwirtschaft

Kuba beschließt weitreichende Reformen. Runs eine Million Staatsdiener sollen in die Privatwirtschaft wechseln. In 178 Bereichen dürfen die Kubaner künftig selbstständig werden, etwa als Palmenbeschneider, Straßenverkäufer, Clown oder Besenmacher. Reichtümer sind nicht zu erwarten.
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HB HAVANNA. Kuba steht vor großen Veränderungen. Die über eine Million Kubaner, die in den kommenden drei Jahren aus den Staatsdiensten entlassen werden, sollen in der Privatwirtschaft ihr Auskommen finden. Die Weichen dafür sind gestellt, denn die Regierung hat nun 178 Tätigkeiten benannt, in denen die Kubaner vom 1. Oktober an auf eigene Rechnung arbeiten sollen. Gleichzeitig hat sie dafür gesorgt, dass möglichst niemand wohlhabend wird.

Die Sorge vor neuem Wohlstand war bereits in den 90er Jahren der Grund dafür gewesen, dass Revolutionsführer Fidel Castro die Privatinitiativen in Kuba zurückdrängte und sie austrocknen ließ. Damals war Kuba wegen des Zusammenbruchs seines Verbündeten, der Sowjetunion, in eine schwere Krise geraten.

Die Regierung hatte deshalb notgedrungen 157 Tätigkeiten ausgesucht, in denen sich Kubaner selbstständig machen und ein eigenes Geschäft aufziehen konnten. 143 000 Lizenzen wurden genehmigt. Doch Fidel Castro stigmatisierte die Kleinunternehmer verächtlich als "die neuen Reichen", in Anlehnung an die großen Brüder, die in Russland wohlhabend geworden waren.

Dieses Mal ist die Krise größer, und die Zahl der Berufe wurde aufgestockt. Und insgesamt sollen zunächst 465 000 Staatsbedienstete unterkommen. Auch wurden die Grenzen des Verdienstes ein wenig erweitert: So dürfen Familienrestaurants, die Paladares, jetzt 20 Sitzplätze haben statt bisher nur zwölf. Und sie dürfen auch Kartoffeln, Meeresfrüchte und Kalbfleisch auf der Speisekarte haben, was bisher das Privileg der staatlichen Restaurants war. Es wird also alles weiter streng geregelt.

"Das Beste ist ein Markt mit unterschiedlichen Preisen", sagte Wirtschaftsminister Marino Murillo, "aber das werden wir in den nächsten Jahren nicht erreichen." Es ist ohnehin eine große Frage, was die Regierung mit den neuen "Tätigkeiten auf eigene Rechnung" (Trabajo por cuenta Propria, TCP) tatsächlich im Sonn hat. Offiziell heißt es, die Privatwirtschaft solle die freiwerdenden Arbeitskräfte auffangen. Außerdem wolle man die Produktivität der Wirtschaft erhöhen, um den drohenden Ruin des Landes zu verhindern.

Doch ein Blick auf die Liste der Berufe zeigt rasch, dass die TCP's kaum zum Wohlstand des Landes beitragen werden. Da sind Berufe aufgeführt, die es nur in Kuba geben wird, wie der Vermittler von Reisenden an Taxifahrer, Reparierer von Bürogeräten, Verkäufer von religiösen Artikeln, Möbelanstreicher, Plastiksammler, Reparierer von Autobatterien und Matratzen, Bügler und Hersteller von Geburtstagsgeschenken. Hinzu kommen noch viele Handwerksberufe.

"Das ist viel mehr als eine Alternative", pries die Parteizeitung "Granma" das Projekt am Wochenende den Lesern an. "Das ist eine der Maßnahmen, mit denen das Land seine Wirtschaftspolitik neu plant, um die Produktivität zu steigern." Die Kubaner aber wissen, dass viele der Berufe schon seit vielen Jahren im Schwarzmarkt funktionieren. Vom offiziellen Durchschnittslohn in Höhe von umgerechnet 15 Euro im Monat hat auch im sozialistischen Kuba kaum jemand leben wollen.

So bleiben die Kubaner vorerst skeptisch. "Wenn ich 40 Prozent Steuern und die Sozialversicherung der Mitarbeiter zahlen muss, wie viele Klienten benötige ich dann und wie viel muss ich verlangen, um einen Gewinn zu erzielen", fragt sich ein Kubaner, der bereits auf dem Schwarzmarkt tätig ist.

Ein von der linken mexikanischen Tageszeitung "La Jornada" zitierter kubanischer Wirtschaftsexperte sieht ohnehin schwarz: Anders als in den 90er Jahren ist das Kapital in Kuba nicht mehr sehr groß. Und es kann sein, dass der Markt für so viele Selbstständige nicht mehr vorhanden ist."

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  • Das wäre doch eine Möglichkeit die vielen überflüssigen beamtenstellen in Deutschland abzubauen. besser als sie weiter durchzufüttern, oder?

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