Kulturelles Minenfeld
Indiens Elite empört sich über die USA

Eine indische Vizekonsulin bringt ihre Haushälterin mit in die USA, bezahlt ihr deutlich weniger als den Mindestlohn. Sie wird festgenommen, wegen falscher Visaangaben. In Indien ist der Zorn auf die USA groß.
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Neu DelhiFür die New Yorker Behörden sah es aus wie ein klarer, eher simpler Fall. Eine junge Diplomatin am indischen Generalkonsulat wurde beschuldigt, auf Visumanträgen falsche Angaben gemacht zu haben, um ihre Haushälterin in die USA mitbringen zu können - zu einem Stundenlohn von drei Dollar (2,20 Euro), deutlich unter dem US-Mindestlohn. Die Diplomatin wurde festgenommen und dann den üblichen Prozeduren unterzogen: Sie musste sich ausziehen und eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen. Nur kurze Zeit später kam sie gegen Kaution frei.

In Indien haben die Stunden, die Vizegeneralkonsulin Devyani Khobragade im US-Gewahrsam verbrachte, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Regierungsvertreter sprachen von einer internationalen Verschwörung, ein Offizieller verglich die Körperdurchsuchung mit Vergewaltigung, und auch die indischen Medien schäumten, nannten den Vorfall eine ungeheure Erniedrigung für das Land.

Es gehe hier nicht um eine Einzelperson, sagte Außenminister Salman Khurshid am Mittwoch wütend im Parlament und gab damit die Gefühle vieler seiner Landsleute wieder. „Es geht um unser Selbstgefühl als Nation und um unseren Platz in der Welt.“

Tatsächlich haben die New Yorker Behörden mit ihrem Vorgehen unwissentlich ein kulturelles Minenfeld betreten - und dabei gleich eine Reihe von Minen losgetreten. Indien ist ein Land, in dem Beleidigungen tief empfunden werden und die Behandlung einer Hausangestellten zumeist als etwas angesehen wird, das die Behörden nichts angeht.

Was die Festnahme an sich betrifft: Nur die Machtlosen und Armen müssten in Indien so etwas befürchten, wenn sie auf Regierungsformularen lügen würden. Für Leute, die der gebildeten Elite angehören, wäre auch eine Leibesvisitation geradezu unvorstellbar.

„Es gibt hier eine Erwartungshaltung, nach der du von den Behörden mit einer gewissen Ehrerbietung behandelt wirst, wenn du Englisch auf eine bestimmte Weise sprichst“, sagt Mihir Sharma, ein Autor in Neu Delhi.

Die Empörung hat auch einen geschichtlichen Hintergrund. In Indien herrscht die Besorgnis, dass die USA im Grunde auf das Land herabblicken, es eher als eine arme Nation mit kläglicher Hygiene betrachten denn als die größte Demokratie der Welt und Atommacht.

Und wenn Neu Delhi und Washington auch im Laufe des vergangenen Jahrzehnts enge Verbündete geworden sind, ging doch eine weitaus längere Zeit des vom Kalten Krieg geprägten Misstrauens voraus. Indien hatte starke Verbindungen mit der damaligen Sowjetunion, die USA standen Pakistan nahe, und die US-Botschaft in Neu Delhi wurde als so etwas wie eine Einrichtung des Geheimdienstes CIA angesehen.

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