Kurden im Irak
Was kommt nach dem IS?

Irakische Truppen und die kurdische Peschmerga kämpfen Seite an Seite gegen den IS. Doch nun fordern die Kurden, was Bagdad ihnen nicht geben will: einen eigenen Staat. Die Allianz droht an dem Streit zu zerbrechen.
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MachmurDie Sandwälle und Gräben ziehen sich wie eine Schlange durch den Norden des Iraks Richtung Syrien, an einigen laufen neugeteerte Straßen mit Laternen und Kontrollposten entlang, auf denen kurdische Flaggen wehen. Die Kämpfer hier bestehen darauf, dass dies nicht die Grenze eines neues unabhängigen Staates sei – doch im Chaos, das mit den Kämpfen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak herrscht, könnte dies vielleicht bald der Fall sein.

Die Arbeiten an einer Art Grenzwall begannen 2014, als sich die von den USA unterstützten kurdischen Kämpfer – die Peschmerga – im Sommer jenes Jahres mit den anrückenden IS-Extremisten konfrontiert sahen. Diese hatten im Irak nicht nur die Armee aus vielen Gebieten wie etwa der zweitgrößten Stadt Mossul vertrieben, sondern bedrohten damals auch die Autonome Kurdische Region.

Seitdem hat die Grenze eine dauerhaftere Form angenommen, die einhergeht mit wachsenden Aspirationen der Kurden auf eine vollständige Unabhängigkeit. Die Grenze könnte zugleich aber auch die Verwerfungslinie für einen neuen Konflikt im Irak markieren, der ausbrechen könnte, sobald der IS geschlagen und vertrieben ist. Ein ähnlicher Prozess zeichnet sich in Syrien ab, wo syrische Kurden den Extremisten große Gebiete abgerungen haben.

„Es war unsere Frontlinie, jetzt ist es unsere Grenze, und wir werden für immer hier bleiben“, sagt der Peschmerga-Kommandant und Unternehmer Sirwan Barsani. Er gehört zu einer wachsenden Zahl führender Kurden – darunter auch sein Onkel und Präsident des kurdischen Autonomiegebiets, Massud Barsani – die vom IS zurück eroberte Gebiete behalten wollen.

Die Kurden liegen ohnehin mit der irakischen Regierung in Bagdad seit der US-geführten Invasion 2003 im Streit über Gebiete im Norden und Osten des Landes. Artikel 140 der irakischen Verfassung besagt, dass ein Referendum über das Schicksal dieser Gebiete entscheiden soll. Aber eine solche Abstimmung hat bisher nicht stattgefunden. Und als die irakische Armee im IS-Ansturm 2014 kollabierte, bezogen die Kurden dort Stellung.

So übernahmen sie in jenem Sommer die Kontrolle über die lange von beiden Seiten beanspruchte Stadt Kirkuk, vordergründig, um diese vor dem Einfall des IS zu schützen. Seitdem haben die Kurden mit Hilfe der US-geführten Luftangriffe weitere Gebiete eingenommen, die etwa 50 Prozent der Größe ihrer anerkannten Autonomen Region entsprechen.

„Nach der Niederlage des IS werden Sunniten den Kurden diese Ansprüche streitig machen und die Schiiten in Bagdad werden sie sowohl den Sunniten als auch den Kurden streitig machen – die Wahrscheinlichkeit eines Konflikts ist real“, sagt Anwar Anaid, Dekan für Sozialwissenschaften an der Universität Kurdistan Hauler in Erbil. „Was auf dem Boden geschieht, wird von den Umständen abhängen. Es gibt einen großen Wunsch der Kurden nach Unabhängigkeit.“

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