Kurden und Türken
Sehenden Auges Richtung Frieden

Kurdenführer Abdullah Öcalan befindet sich seit zehn Jahren in Einzelhaft auf einer türkischen Gefängnisinsel. Doch auch die lange Gefängnisstrafe konnte ihn nicht von seinem Ziel abbringen, den jahrzehntealten Konflikt mit der Türkei zu lösen. Und das könnte nun sogar gelingen.

ISTANBUL. Wenn Ömer Günes mit seinem Mandanten sprechen will, nimmt er die Schnellfähre von Istanbul nach Mudanya. In dem Hafenstädtchen am Marmarameer steigt er auf ein Bötchen um, das ihn zur Gefängnisinsel Imrali übersetzt. Dort bewachen tausend türkische Soldaten seit zehn Jahren einen einzigen Mann, Günes' Mandanten Abdullah Öcalan. Fast jede Woche kommt der Anwalt nach Imrali, am Mittwoch war es wieder so weit. Günes wollte eine Kladde mit dem Plan abholen, der einen der am längsten schwärenden innerstaatlichen Konflikte Europas beenden könnte, den blutigen Bruderkrieg zwischen Kurden und Türken.

Vergangenen Freitag bereits reiste Günes ohne Kladde wieder ab, Öcalan, der Autor des Friedensplans, war noch nicht fertig. am Mittwoch schlug die Übergabe erneut fehl: Das Bötchen nach Imrali musste auf halber Strecke umdrehen. Technische Probleme.

Dabei hat Öcalan die Kernpunkte seines Angebots an die türkische Regierung längst durchsickern lassen. Wird der Ex-Terrorist, der Mitgründer und Anführer der Kurdenguerilla PKK, der wohl Tausende Menschen auf dem Gewissen hat, 1999 in Kenia verhaftet, zum Tode verurteilt und 2002 zu lebenslang begnadigt wurde - wird dieser Abdullah Öcalan nun zum Friedensengel?

Nach fast 40000 Toten auf beiden Seiten steht der Krieg zwischen Kurden und Türken vor einer Wende, Grund ist vor allem die Schwäche der zwei Kontrahenten: Auch wenn Öcalan die PKK aus der Einzelhaft so straff führt wie eh und je, gelten seine Truppen als aufgerieben. Die türkische Regierung unter Premier Recep Tayyip Erdogan räumt ihrerseits ein, militärisch nicht gewinnen zu können - und sie will ihre Aussichten auf einen EU-Beitritt verbessern. So ist nun möglich, was Jahrzehnte undenkbar war. Kürzlich in der Kurdenmetropole Diyarbakir: Kumri Bilgi fällt Zeyneo Yalcin in die Arme, beide Frauen haben sich nie zuvor gesehen, aber sie weinen gemeinsam. Bilgi ist Mutter eines von der Armee getöteten Kämpfers der PKK, Yalcins Sohn ist ein "Märtyrer", wie in der Türkei die im Kurdenkrieg gefallenen Soldaten gepriesen werden. "Blut darf nicht mit Blut abgewaschen werden", sagt Müslüm Öztürk, einer der Initiatoren des Treffens, bei dem sich mehr als 20 Mütter beider Seiten trafen.

Jahrzehntelang gab es die kurdische Minderheit in der Türkei offiziell gar nicht. Von den zwölf Millionen Kurden sprachen Minister abschätzig als "Bergtürken". In Schulen ist die kurdische Sprache verboten. Die Gebiete der Kurden im Osten und Südosten der Türkei wurden vernachlässigt, die Arbeitslosenquote liegt dort bei 60 Prozent. Aus den Slums in Städten wie Diyarbakir rekrutiert Öcalans PKK ihre Kämpfer, seit sie mit ihrem ersten Terroranschlag 1984 den offenen Konflikt mit dem Staat suchte.

1999 hielten viele Türken den Krieg gegen die PKK für gewonnen. Der gefangene Terrorist Öcalan wurde der Welt mit Augenbinde und Handschellen vorgeführt. Türkische Medien nennen ihn "Bestie", aber Millionen Kurden verehren ihn als Idol. Er symbolisiert für sie den Kampf gegen Unterdrückung und Diskriminierung, Öcalan ist ihr Nelson Mandela. Trotz Insel-Einzelhaft ist der heute 60-Jährige nach wie vor der unumstrittene Führer der PKK. Über seine Anwälte zieht er immer noch die Fäden. Keine wichtige Entscheidung in der PKK falle ohne Öcalan, sagen Insider - ob die Bötchen gerade fahren oder nicht.

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