Kurdenkonflikt
Warnung vor „türkischem Vietnam“

In der Türkei breitet sich Kriegsstimmung aus. Mehr als 4 200 Menschen haben sich seit dem vergangenen Wochenende freiwillig zum Militärdienst gemeldet. Sie wollen im Nordirak gegen die PKK kämpfen. Die Rebellenorganisation scheint alles daranzusetzen, einen Einmarsch zu provozieren. Läuft die türkische Armee in eine strategische Falle?

ISTANBUL. „Wir alle sind Soldaten“, „Geht in den Nordirak und macht die Hunde fertig“ – mit solchen Sprechchören gehen derzeit zehntausende Demonstranten in türkischen Städten auf die Straßen. Seit kurdische Rebellen am vergangenen Wochenende in der Provinz Hakkari unweit der irakischen Grenze zwölf Soldaten töteten und weitere acht verschleppten, breitet sich Kriegsstimmung aus im Land.

Mehr als 4 200 Menschen haben sich seit dem vergangenen Wochenende freiwillig zum Militärdienst gemeldet, darunter 350 Frauen, berichtet der Generalstab. Sie wollen im Nordirak gegen die PKK-Rebellen kämpfen. Auch Abdurrahman Develioglu wollte nicht untätig bleiben. Der pensionierte Lehrer griff sich seine zweiläufige Schrotflinte und drückte seiner Frau eine türkische Nationalflagge in die Hand. Gemeinsam gingen sie zur nahen Autobahn und hielten den Verkehr an. Mit vorgehaltener Waffe forderte Develioglu die Autofahrer auf, ihre Fahrzeuge zu verlassen und den Sprechchor „Verdammt sei die PKK“ anzustimmen. Des Gewehrs hätte es dabei gar nicht bedurft: die meisten Autofahrer machten begeistert mit.

Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass Generalstabschef Yasar Büyükanit, der als Falke gilt, bereits zur Besonnenheit mahnt: Die Reaktionen auf den Terror der PKK dürften „nicht außer Kontrolle“ geraten, meint der Armeechef. „Denn genau das ist es, was die Terroristen erreichen wollen.“ Zwar flogen türkische Kampfflugzeuge auch am Donnerstag Angriffe auf mutmaßliche PKK-Stellungen im Nordirak. Doch Ministerpräsident Tayyip Erdogan zögert, den Befehl für einen groß angelegten Einmarsch ins Nachbarland zu geben. Denn er fürchtet eine strategische Falle der PKK. Der Nordirak, so warnen Militärexperten, könne für Ankaras Armee zu einem „türkischen Vietnam“ werden. Denn die PKK-Kämpfer bewegen sich in einem Gebiet, das rund 10 000 Quadratkilometer umfasst – unwegsames Terrain mit bis zu 3 000 Meter hohen Bergen, tiefen Schluchten und zahllosen Höhlen. Das begünstigt die Guerillakämpfer.

Tatsächlich scheint die Rebellenorganisation alles daranzusetzen, einen Einmarsch der türkischen Armee im Nordirak zu provozieren. Die Ziele der PKK seien klar, meint Mehmet Ali Birand, einer der profiliertesten politischen Kolumnisten des Landes: „Ein Einmarsch würde die Beziehungen der Türkei zu den USA irreparabel beschädigen, dem Verhältnis zur EU großen Schaden zufügen, die Türkei in der arabischen Welt diskreditieren und der PKK die Chance geben, in der Südosttürkei die Stimmung gegen die Regierung in Ankara anzuheizen und die Unterstützung der türkischen Kurden zurückzugewinnen.“

Zwar genießt die PKK unter der Bevölkerung im Südosten immer noch Sympathien, was nicht zuletzt ein Ergebnis des wirtschaftlichen und sozialen Elends in der Kurdenregion und vorenthaltener kultureller Rechte ist. So einflussreich wie in den 1980er- und 90er-Jahren ist die PKK aber längst nicht mehr. Die 1978 von dem Studenten Abdullah Öcalan gegründete und straff stalinistisch ausgerichtete „Partiya Karkeren Kurdistan“, die kurdische Arbeiterpartei, rief 1984 den bewaffneten Kampf für einen Kurdenstaat aus. Öcalan lebte damals bereits in der syrischen Hauptstadt Damaskus im Exil. Im syrisch kontrollierten Bekaa-Tal befanden sich auch die Ausbildungscamps der Guerilla.

Doch auf massiven Druck der Türkei warf Syrien Ende 1998 die PKK aus dem Land. Öcalan wurde ausgewiesen und im Februar 1999 von türkischen Fahndern in Kenia festgenommen. Er sitzt auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer eine lebenslange Haftstrafe ab. Die meisten seiner Kämpfer zogen sich in den Nordirak zurück. Die Ausweisung aus Syrien, die Verurteilung Öcalans – das waren Rückschläge, von denen sich die PKK nie erholt hat. Verfügte sie in den 90er-Jahren noch über mehr als 10 000 bewaffnete Kämpfer, dürften es heute allenfalls 5 000 sein. Davon halten sich etwa 3 500 in den Kandil-Bergen im Nordirak auf, wo die PKK zehn größere und ein Dutzend kleinere Lager hat.

Wie stark der einst dominierende politische Einfluss der PKK unter den türkischen Kurden geschwunden ist, zeigte sich bei der Parlamentswahl im Juli: Damals erzielte die islamisch-konservative Regierungspartei von Premier Erdogan in den Kurdenprovinzen Stimmenanteile von deutlich über 50 Prozent – vor allem auf Kosten der pro-kurdischen DTP, die vielen als politischer Arm der PKK gilt. Wenn die Rebellen nun den Konflikt schüren, dann vor allem, um eine Normalisierung der Lage in den Kurdengebieten zu verhindern und eine politische Lösung der Kurdenfrage zu torpedieren. Denn kommt es dazu, wäre die PKK der große Verlierer.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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