Kurdische Stadt im Ausnahmezustand: Hungrig, durstig, verzweifelt

Kurdische Stadt im Ausnahmezustand
Hungrig, durstig, verzweifelt

Fünf Wochen lang verhängt die türkische Regierung eine Ausgangssperre über Silopi. In den Wohngebieten führt die Armee eine Offensive gegen die PKK. Für Zivilisten heißt das: Kein Einkaufen, kein Strom, kein Wasser.

Silopi Die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung in Silopi stehen fassungslos vor ihren verwüsteten Büros. Türkische Spezialkräfte hatten sich hier während der Offensive gegen die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK einquartiert. Sie haben die Türen aufgebrochen und Fenster eingeschlagen. Alle Computer sind weg, viele Akten ebenfalls, auf dem Boden liegen Geschosshülsen. Die ungebetenen Besucher haben Notizzettel hinterlassen. Auf einem steht: „Euch Bastarden wurde das Gehirn gewaschen.“ Die anderen Botschaften sind so obszön, dass sie besser nicht wiedergegeben werden.

Silopi wird von der DBP regiert, dem kommunalen Ableger der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Die islamisch-konservative Regierung der Türkei unterstellt beiden Parteien, der PKK hörig zu sein. Am 14. Dezember vergangenen Jahres verhängt die Regierung eine Ausgangssperre über Silopi, gleichzeitig beginnt die Armee eine Offensive gegen die PKK in Silopi und in anderen Städten im Südosten. Bewohner berichten von Scharfschützen und Kampfpanzern.

Die Regierung erklärt die Operationen in Silopi am Dienstag für weitgehend beendet, die Armee meldet bis dahin mehr als 130 getötete „Terroristen“ in der Stadt. Die Gemeindeverwaltung spricht von mindestens 27 Zivilisten, die getötet worden seien. Die gelockerte Ausgangssperre gilt jetzt nur noch nachts. Die knapp 90.000 Bewohner können erstmals seit mehr als einem Monat wieder auf die Straße gehen, ohne befürchten zu müssen, dabei erschossen zu werden.

Der Weg nach Silopi bleibt beschwerlich, er führt an der Stadt Cizre vorbei, wo Gefechte und Ausgangssperre andauern. Ein Checkpoint nach dem nächsten ist an der Zufahrtsstraße aufgebaut. Vermummte Soldaten mit Schnellfeuergewehren fragen barsch nach Ausweisen und dem Grund der Reise, flankiert werden sie von Panzern. Autos und Insassen werden gefilzt. Auch in Silopi patrouillieren gepanzerte Fahrzeuge von Armee und Polizei. Die Stimmung unter den kurdischen Bewohnern ist angespannt, sie schwankt zwischen Wut und Depression.

Vor der Gemeindeverwaltung fährt der städtische Leichenwagen vor, ein Toter ist in einer Straße geborgen worden, niemand weiß, wer der Mann ist. Ein paar Straßenzüge weiter ist das DBP-Büro niedergebrannt worden. An die Wand des Gebäudes haben Spezialkräfte das Kürzel ihrer Einheit gesprüht, daneben steht: „Wo ist der Aufstand?“ Auch an anderen Häuserwänden finden sich Schmähbotschaften, wie man sie eher von Besatzern als von Befreiern erwarten würde. Eine davon lässt sich sinngemäß so übersetzen: „Wo sind die Hunde der Schwuchtel Apo?“ PKK-Chef Abdullah Öcalan wird von Sympathisanten Apo genannt.

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