La République en Marche
Eine Bewegung sucht eine Aufgabe

Nachdem Frankreichs neue Partei „La République en Marche“ ihren Präsidenten Macron mit Triumph in den Elysee-Palast getragen hat, fehlt heute ein bisschen die Motivation. Wohin marschieren die Delegierten von LREM?
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Lyon Es ist nur ein äußerlicher Eindruck, aber er ist ernüchternd: In einer zugigen Messehalle in der Nähe von Lyon hat „La République en Marche“ (LREM), die Bewegung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, am Samstag ihren ersten Kongress veranstaltet. Dort wurden der Vorsitzende Christophe Castaner und der Vorstand gewählt. Castaner war der einzige, von Macron vorgegebene Kandidat, was auf Kritik stieß. Ist das noch dieselbe Bewegung, die vor nicht einmal einem halben Jahr die größten Säle füllte, in denen Franzosen aller Altersgruppen begeistert die Trikolore und die Europafahne schwenkten?

Der Spirit scheint verflogen zu sein. Nicht einmal alle Delegierten sind nach Lyon gekommen: 750 hätten es sein müssen, doch an den Wahlen nahmen nur rund 500 teil. Ein wenig verdruckst sagen die Presseleute von LREM, einige Delegierte hätten wohl „anderweitige Verpflichtungen gehabt“. Ein Marcheur sagt es etwas direkter: „Das hat mich schon gewundert, dass viele Delegierte gefehlt haben“, meint François-Xavier, Mitglied aus der Region PACA (Provence Alpes Cote d’Azur).

Der frischgewählte Castaner versuchte es in seiner Rede mit Ehrlichkeit und einem Appell an den Geist der Kampagne: „Natürlich kann jeder Fragen stellen, alles muss auf den Tisch, es hat Ungeschicklichkeiten und Fehler gegeben.“ Doch LREM könne „diese große Bewegung bleiben, deren größter Ehrgeiz es ist, den Franzosen zu dienen.“ Bei einer Bemerkung bekommt er rauschenden Beifall: „Nicht die Politik darf unsere Bewegung verändern, sondern unsere Bewegung muss die Politik verändern!“

Problem erkannt: Der Sieg bei der Präsidentschaftswahl im Mai und anschließend bei der Parlamentswahl im Juni war ein Triumph für die erst im Mai 2016 gegründete Bewegung. Doch er wirkte auch wie eine Vollbremsung. Denn in der Fünften Republik geht zwar die Macht vom Volk aus, doch ausüben kann sie nur einer: der Präsident. Macron hat bewiesen, dass er das kann: In Windeseile hat er den Arbeitsmarkt reformiert, das Steuersystem verändert, Europa neue Impulse gegeben. Nun könnte es ihm gar gelingen, die Krise im Libanon zu entschärfen. Ein Vollprofi, der aber gewollt oder ungewollt den Eindruck erweckt hat: Eine Partei braucht er nicht.

Auf dem Gipfel des Erfolgs fielen die Marcheurs in ein politisches Luftloch. Hinzu kommt, dass es kaum funktionierende Strukturen gibt, sieht man vom Hauptquartier in Paris ab, in dem aber auch nur 92 Leute Vollzeit arbeiten. Bei manchen Marcheurs kommt Frust hoch. Gut 100 haben ein Manifest veröffentlicht, in dem sie mehr innerparteiliche Demokratie fordern und ihren Austritt ankündigen. „Die Begeisterung der vergangenen Monate ist weg, das stimmt“, räumen sogar François-Xavier und sein Kollege Serge, beide Mitte 50, ein. Doch das sei eine normale Folge der politischen Konjunktur: „Wir sind eben nicht mehr im Wahlkampf.“

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