Labour-Partei
Zu nahe am großen Geld

Tessa Jowell, Tony Blairs Ministerin für Kultur und Sport, hatte einmal von sich gesagt, sie würde „vor einen Bus springen, um Tony zu retten“. Jetzt droht ihr Ungemach, gerade von ihrem geliebten Chef. Denn bald schon könnte Blair seiner treuen Ministerin die Entlassungsurkunde überreichen müssen.

LONDON. Die Integrität von Politikern der Labour-Partei und ihre freundschaftliche Nähe zum großen Geld steht wieder einmal auf dem Prüfstand. Bedroht ist Jowell von den komplexen Finanztransaktionen ihres Ehegatten, des Corporate Lawyer David Mills, vom Eifer der italienischen Justiz, die Geschäfte von Ministerpräsident Silvio Berlusconi untersuchen will , und von ihrem mangelnden Interesse für die Hypotheken auf ihrem Nordlondoner Eigenheim.

Ehegatte Mills hatte, mit Unterschrift seiner Frau als Mitbesitzerin, eine 400 000 Pfund schwere Hypothek auf das Haus aufgenommen und innerhalb von vier Wochen mit Geld aus einem Offshore-Fonds zurückgezahlt. Mills bestreitet energisch, dass es sich dabei um Geldwäsche gehandelt habe, mit der er Geld steuerfrei ins Land bringen wollte. Noch energischer bestreitet er, dass es sich um von Silvio Berlusconi gezahlte Bestechungsgelder gehandelt habe.

Laut der italienische Justiz, die britischen Medien freizügig Dokumente mit belastendem Material über die Verbindung Mills-Berlusconi zuspielt, kommt das Geld über komplexe Zwischenstationen und Offshore-Firmenkonten aus Berlusconis Kasse. Es handle sich um eine Belohnung für die freundschaftliche Zeugenaussage Mills in einem Prozess gegen Berlusconi im Jahre 1999. Mills selbst will die Summe als Geschenk des neapolitanischen Reeders Diego Attanasio erhalten haben, der allerdings nichts davon wissen will und zur Zeit der angeblichen Geschenkübergabe im Gefängnis saß – wegen Bestechungsvorwürfen.

Von wem das Geld auch stammt: Wenn es ein Geschenk war, hätte Ministerin Tessa Jowell es dem Unterhauses mitteilen müssen. Umstrittener ist die Frage ihrer Schuld, wenn es sich tatsächlich um Bestechungsgelder gehandelt haben sollte. Ob eine Ministerin wegen Rechtsbrüchen ihres Mannes zurücktreten müsste, ist eine der kniffligen Fragen, die die Affäre aufwirft.

Der für Transparenz und Moralstandards der Regierungsmitglieder zuständige Leiter des Kabinettsamts, Gus O'Donnell, hat eine offizielle Untersuchung eingeleitet. Oppositionschef David Cameron forderte am Mittwoch, die Untersuchung gleich auf das Innenministerium auszudehnen. Es soll Ersuchen der Italiener zur Auslieferung von Mills blockiert haben.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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