Lage im Kaukasus unübersichtlich
Georgien wirft Moskau „ethnische Säuberungen“ vor

Die Lage in Georgien hat sich am Donnerstag erneut zugespitzt. Denn russische Armee-Einheiten haben sich entgegen der Zusage zu einer Waffenruhe nicht hinter die Demarkationslinien zwischen Georgien und den abtrünnigen Provinzen Süd-Ossetien und Abchasien zurückgezogen.

TIFLIS/GORI. Der Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Heikki Talvitie, nannte die Situation „fragil“ und forderte 100 weitere internationale Beobachter an. Robert Watkins, Koordinator der Vereinten Nationen in Georgien, mahnte dringend die Schaffung eines Flüchtlingskorridors an, damit die Menschen aus den umkämpften Gebieten fliehen könnten.

Russland begründete seine anhaltenden Militäraktionen außerhalb Abchasiens und Süd-Ossetiens damit, die verbliebene georgische Militärinfrastruktur zerstören zu wollen, damit von dort keine neuerlichen Angriffe mehr auf die Krisen-Provinzen ausgehen könnten. Georgien widersprach dem und warf Moskau erneut „Okkupation und ethnische Säuberungen“ vor.

Flüchtlinge aus der von russischen Panzereinheiten umstellten Stadt Gori berichteten dem Handelsblatt allerdings von Plünderungen in den besetzten Gebieten, Niederbrennen georgischer Dörfer und Ermordungen von Georgiern. Dabei seien weniger die russischen Soldaten eingesetzt, sondern Süd-Osseten, die Rache nähmen, und marodierende Freiwillige aus dem russischen Nord-Kaukasus und Kosacken-Verbände.

Russische Panzer-Kommandeure, mit denen das Handelsblatt an ihren Stellungen bei Gori sprach, berichteten, dass sie bisher keinen Befehl hätten, die Belagerung Goris aufzugeben. Georgiens Präsident Micheil Saakaschwili sprach deshalb bereits von einer „ökonomischen Blockade Georgiens durch Russland“. Denn der überlebenswichtige Container-Hafen Poti sei von russischen Kräften, die nach Bildern des georgischen Fernsehens auch gestern wieder Ziele im Hafen angriffen, weitgehend zerstört. Und mit der Besetzung Goris kontrollieren die Russen die wichtigste Versorgungsstraße für Waren nach Tiflis.

Auch von georgischer Seite nehmen die Spannungen zu. So waren auf der Straße von Tiflis nach Gori Truppentransporter mit hunderten georgischen Soldaten zu sehen sowie Militär-Lkw mit schweren Artillerie-Geschützen in Richtung Gori.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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