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21.04.2008 
Essay

Land der Lügen, Reich des Wandels

von Bernd Ziesemer

China wird sich globalen Werten anpassen müssen. Nicht heute, nicht morgen – aber ganz sicher. Und die Olympischen Spiele können dabei trotz allem helfen.

Chinesische Künstlerin bei der Anklunft des Olympischen Feuers in Peking (Foto: AP)Lupe

Chinesische Künstlerin bei der Anklunft des Olympischen Feuers in Peking (Foto: AP)

DÜSSELDORF. Sun Wukong kennt in China jedes Kind. Der Affenkönig aus dem klassischen Romanepos „Die Reise nach Westen“ hüpft mit Leichtigkeit in einem Satz über 58 000 Kilometer, verwandelt sich in 72 verschiedene Wesen und kann aus jedem seiner Haare ein wildes Tier zaubern. Als Waffe trägt der Affenkönig einen Wunderstab mit sich herum, den er so klein wie eine Stecknadel machen und in seinem Ohr verstecken kann – aber auch so groß wie einen Turm und so schwer wie drei Kriegselefanten. Mit dieser fürchterlichen Keule schlägt Sun Wukong Geister, Dämonen und Widersacher aller Art in die Flucht.

Chinas Kommunisten und ihre Politik kann man gut mit dem Affenkönig und seiner Zauberkeule vergleichen, wie schon vor Jahren der kürzlich verstorbene Schriftsteller und Diplomat Erwin Wickert schrieb. Brutale Herrschaftsgewalt und kommunistische Ideologie schrumpfen im Wirtschaftswunderland China manchmal, so scheint es zumindest von außen, zur Quantité négligeable. Doch die Ereignisse in Tibet haben der Weltöffentlichkeit zugleich gezeigt: Chinas Staats- und Parteiführer in Peking schwingen nicht nur die verbalen Keulen, wenn es darauf ankommt, sondern sie schlagen auch brutal und unerbittlich zu gegen jede Opposition.

In Wahrheit verbinden sich eben in der Volksrepublik nach wie vor, was allzu viele ausländische Kurzzeitbeobachter als sich gegenseitig ausschließende Widersprüche empfinden: schnelle wirtschaftliche Modernisierung, zunehmende gesellschaftliche Vielfalt und diktatorische Gewaltherrschaft. Es gibt dafür ein schönes Symbol im neuen Peking: Das chinesische Staatsfernsehen CCTV residiert künftig in einem der modernsten und spektakulärsten Hochhäuser der Welt, dem verschränkten Doppelturm des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas. Dort in den Büros arbeiten viele kritisch denkende, an amerikanischen Eliteuniversitäten ausgebildete chinesische Intellektuelle. Aber während der Straßenkämpfe in Lhasa im März sendete CCTV pausenlos Propaganda im klassenkämpferischen Primitivjargon der maoistischen Kulturrevolution: „Wir befinden uns in einer entschlossenen Schlacht mit Blut und Feuer gegen die Dalai-Lama-Clique.“



Es gibt nicht ein Gesicht Chinas – es gibt nur viele Gesichter Chinas. Zwischen Xian und Schanghai, zwischen Harbin und Kanton erstreckt sich ein gewaltiges Reich voller politischer Widersprüche, ökonomischer Ungleichzeitigkeiten und gesellschaftlicher Brüche. Wir versuchen im Handelsblatt mit einer aufwendig recherchierten Reportage-Reihe in den nächsten drei Wochen, dieses widersprüchliche China zu porträtieren. Es gibt ein China der verlassenen Aids-Waisenkinder und der Internet-Millionäre, ein China der Laogai-Straflager und der wachsenden Mittelschichten, ein China der rechtlosen Wanderarbeiter und der verwestlichten Künstler.

Nur: Dieses wirkliche China der Widersprüche sollen wir nicht sehen, wenn am 8. August die Olympischen Spiele mit einer perfekten Eröffnungszeremonie im architektonischen Wunderwerk des neuen Nationalstadions beginnen. Das Reich der Mitte soll sich nach dem totalitären Traum seiner Führer stattdessen als harmonische Gesellschaft präsentieren und als moderne Zivilisation an der Spitze des menschlichen Fortschritts. Natürlich soll das Weltsportfest in Peking eine politische Botschaft um den Globus tragen. Deshalb kann man nicht dümmlicher argumentieren als westliche Olympia-Funktionäre mit ihrem Mantra vom „unpolitischen“ Charakter der ganzen Veranstaltung.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kein Vergleich mit 1936

Aber kommen wir umgekehrt mit dem Vergleich zur Hitler-Olympiade 1936 weiter, der so gern in der gegenwärtigen deutschen Debatte über einen möglichen Boykott der Spiele in Peking fällt? Nicht wirklich. Die Nationalsozialisten missbrauchten den sportlichen Wettkampf damals, um die Überlegenheit ihrer Rassenideologie und ihres Herrenmenschentums zu demonstrieren. Aus Berlin vernahmen die Völker der Welt die aggressive Botschaft eines schon damals auf Krieg und Expansion gepolten Regimes. Der einschüchternde Tonfall der Reden Hitlers beeindruckte einen Teil der Olympioniken ebenso nachhaltig wie er einen (deutlich kleineren) anderen Teil ebenso nachhaltig bis ins Mark erschreckte.

Nach den Olympischen Spielen 1936 wählten Großbritannien und Frankreich die Appeasement-Politik, weil ihnen Hitler bereits als zu mächtig erschien, um ihn noch zu bremsen. Und einige weitsichtige Berliner Juden packten nach den Spielen endgültig ihre Koffer, wie Victor Klemperer in seinen Memoiren berichtete.

Die chinesische Führung verfolgt bei allem Negativen, was man über sie sagen kann, keine aggressiven Träume. Ihr geht es um Machterhalt, nicht um Expansion. Sie orientiert sich mit der politischen Botschaft, die sie senden möchte, eher an asiatischen Vorbildern als am Berlin der 30er-Jahre.

Vergessen wir nicht: Mit den Spielen in Peking treffen sich die Olympioniken erst zum dritten Mal in ihrer Geschichte überhaupt in einem fernöstlichen Land. Wer Peking 2008 verstehen will, sollte sich mit Tokio 1964 und Seoul 1988 beschäftigen.

Für die Japaner ging es bei ihren Olympischen Spielen vor allem um die „Wiedergewinnung nationaler Identität“, wie der Japanologe Christian Tagsold in einer glänzenden Studie über Tokio 1964 schrieb. Die geächtete Verlierernation des Zweiten Weltkriegs wollte sich zum ersten Mal wieder als vollwertiges Mitglied der Völkerfamilie präsentieren. Deshalb sollten die Spiele einerseits die nationalen Symbole Japans neu aufladen: Der Tenno, wenige Jahre zuvor in US-Medien noch als Kriegsverbrecher tituliert und in der von den Alliierten aufoktroyierten Verfassung zum bloßen Symbol degradiert, sprach in der Eröffnungszeremonie wie ein Staatsoberhaupt. Und Japans Kriegsflagge „Hi no maru“ mit der roten Sonne auf weißem Grund mutierte mit den Spielen und durch die Spiele zur internationalen Design-ikone und zum Friedenssymbol.

Auf der anderen Seite wollten sich die Japaner mit „Olympia als wirtschaftlich-technischer Inszenierung“, wie Tagsold schreibt, als neue Exportnation profilieren. Die Spiele 1964 waren die ersten „computer games“, wie damals die Nachrichtenagentur Associated Press meldete: Von der Zeitmessung beim Hundert-Meter-Lauf bis zur digitalen Anzeigetafel im Stadion funktionierte alles elektronisch und verkündete den Völkern der Welt den Beginn des Chip-Zeitalters. Technischer Fortschrittsglaube und nationale Tradition verbanden sich in einer perfekten Show zu einer neuen Einheit: „Die hervorragende Eröffnungsrede des Tennos eilte aus der kaiserlichen Loge des Nationalstadions von Tokio vermittels elektrischer Wellen zum Satelliten Shinkomu 3, der über dem Äquator fliegend 36 000 Kilometer entfernt war“, schrieb die japanische Tageszeitung „Mainichi Shimbun“ in ihrer Abendausgabe: „Es war die erste weltweite Übertragung der olympischen Geschichte. Der 10. Oktober 1964 14.57 Uhr war der Moment, in dem die Welt eins wurde.“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Südkoreaner kopierten die Japaner

Die XXIV. Sommerspiele in Seoul waren 24 Jahre später als exakte Kopie des grandiosen japanischen Erfolgs geplant. Südkorea wollte sein Pariabild als Halbkolonie Amerikas und Militärdiktatur abschütteln und sich zugleich wirtschaftlich als „zweites Japan“ und Exportwunderland in der Welt durchsetzen. Um beides zu erreichen, wollte die Regierung eine noch perfektere Inszenierung als in Tokio zustande bringen. Gleichzeitig sollte ein gewaltiger Sicherheitsapparat mit 110 000 Mann jeglichen Gesichtsverlust für die regierenden Generäle verhindern, die seit Jahren mit Studentenprotesten und einer wachsenden demokratischen Opposition zu kämpfen hatten.

Doch im Vorfeld der Spiele zeigte sich, dass die Gleichung „perfekte Organisation plus Polizeiterror gleich internationaler Erfolg“ nicht aufgehen konnte. Nach einer neuen Protestwelle im Inneren und einer weltweiten Kampagne mit der eingängigen Parole „Folter ist keine olympische Disziplin“ entschloss sich der neu gewählte südkoreanische Präsident Roh Tae-woo zu einer mutigen 180-Grad-Wende: Seine Regierung hob die Pressezensur auf, entließ Oppositionsführer Kim Dae-jung aus dem Hausarrest, kündigte die Einhaltung der Menschenrechte und faire Wahlen an. Die Welt rieb sich die Augen und sprach vom „Wunder von Seoul“. Um die Olympischen Spiele und das eigene Gesicht zu retten, setzten die Generäle einen echten politischen Wandel in Gang, der auch nach 1988 weiterging, der Südkorea zu einer „normalen Nation“ machte und der den weiteren wirtschaftlichen Aufstieg des Landes förderte.

Tokio 1964 und Seoul 1988 veränderten die weltpolitische und weltwirtschaftliche Rolle beider Nationen. Zwar schlitterten beide Länder nach den jeweiligen Spielen in eine heftige Wirtschaftskrise (was auch in China 2009 passieren dürfte), weil der Industrie das zusätzliche Adrenalin gewaltiger öffentlicher Investitionen wieder entzogen wurde. Trotzdem kann man im Nachhinein sagen, dass der eigentliche Aufstieg Japans und Südkoreas erst nach den Olympischen Spielen begann und erst viel später kulminierte. – Wie wird es nach Olympia 2008 in China weitergehen?

Dass wir politisch ein „Wunder von Peking“ wie 1988 in Südkorea erleben, kann man getrost als unwahrscheinlich bezeichnen: Der innere Zirkel der herrschenden Elite zeigte bisher keinerlei Bereitschaft, den Chinesen politische Freiheiten zu gewähren, die mittel- bis langfristig zur Aufhebung des kommunistischen Machtmonopols beitragen könnten.

Wir sollten jedoch auch nicht zu pessimistisch sein: Der internationale Druck auf China wirkt sehr wohl. Ähnlich wie 1988 die südkoreanischen Generäle fürchten die chinesischen Parteiführer den gewaltigen internationalen Gesichtsverlust verpatzter Spiele. Der Westen sollte sich keine Illusionen über schnelle Erfolge in Sachen Freiheit oder Demokratie machen – aber weitere Fortschritte in der Einhaltung grundlegender Menschenrechte sind jetzt durchaus erreichbar.

Der Westen sollte die Chance der Olympischen Spiele nutzen, um den Druck in dieser Hinsicht zu erhöhen. Zwangsabtreibungen und Folter, religiöse Unterdrückung und ethnische Säuberungen, Massenhinrichtungen und der anschließende Handel mit den Organen Getöteter, Arbeitslager und erzwungene Umsiedlungen – all das sind Themen, die immer wieder auf die politische Tagesordnung gehören.

Weder wird globaler Handel allein politischen Wandel in China erzeugen noch wird die Entstehung einer Mittelschicht automatisch zu einer Demokratisierung führen. Aber auch das Schreckensszenario einer wirtschaftlich immer erfolgreicheren und außen- und militärpolitisch immer mächtigeren Dauerdiktatur, die schließlich den freien Westen in einem neuen Kalten Krieg ähnlich bedrohen könnte wie die Sowjetunion auf dem Höhepunkt ihrer Macht, erscheint als eher unwahrscheinlich.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die Zivilgesellschaft entwickelt sich

Drei Dinge sprechen dagegen: Die chinesische Zivilgesellschaft entwickelt sich weiter und bietet in einigen Nischen – zum Beispiel der Kunst – bereits erhebliche Freiheitsräume. Das heute vorherrschende Entwicklungsmodell aus wildestem Manchesterkapitalismus in der Industrie, spekulativsten Kasinogeschäften an den Börsen von Schanghai und Shenzhen und einem vollständig korrumpierten Staatssektor kann nicht nachhaltig funktionieren. Und der ideologische Überbau mit seiner merkwürdigen Mischung aus Harvard-Eliteideologie, krudem Maoismus und künstlichem Konfuzianismus liefert keinen Kitt mehr zum Zusammenhalt Chinas. Gewaltige politische und wirtschaftliche Anpassungskrisen sind unvermeidlich.

Was dabei aber herauskommen wird, lässt sich nur schwer prognostizieren. Selbst das fürchterliche Massaker vom Tiananmen-Platz 1989 kann sich im heutigen China immer noch wiederholen, wie die Ereignisse in Tibet gezeigt haben. Die chinesische Führung setzt gerade in Krisensituationen auf einen immer aggressiveren Nationalismus, um das ideologisch-moralische Vakuum im Reich der Mitte zu füllen.

Insofern spielen ihr die westlichen Reaktionen gegenwärtig gar ein Stück in die Hände: Sehr viele Chinesen, selbst aufgeklärte Intellektuelle in den Städten, solidarisieren sich seit Wochen mit den kommunistischen Hardlinern. Sie halten die westliche Tibet-Kritik für ein perfides und nur vorgeschobenes Argument, um den weiteren Aufstieg Chinas auf der Weltbühne zu verhindern, der für sie mit den Olympischen Spielen einhergeht. Die Westler und Liberalen unter den chinesischen Intellektuellen und aufstrebenden Professionals fühlen sich gegenwärtig zerrieben zwischen den Fronten. Sie fürchten eine dauerhafte Verhärtung zwischen China und dem Westen, der ihre kleinen Freiheitsräume wieder einschränken könnte.

Ihr Pessimismus wächst, dass Peking 2008 einen dauerhaften Rückschlag in der Öffnung Chinas bringen könnte, die 1978 mit den Reformen Deng Xiaopings begann. In Verbindung mit einer längeren Wirtschaftskrise, die viele China-Kenner und Ökonomen für die nächsten Jahre prophezeien, könnte er so eine gefährliche Mischung erzeugen.

Der chinesische Präsident Hu Jintao beschwört die „harmonische Gesellschaft“ und die „weiche Kraft“ der chinesischen Kultur. Doch leider bleibt das wirkliche China trotz aller wirtschaftlichen Erfolge gerade in dieser Hinsicht ein armes Entwicklungsland. Durch die Tragödien des „großen Sprungs nach vorn“ in den 50er-Jahren und die Kulturrevolution in den 60er-Jahren haben die Kommunisten die geistige Zivilisation Chinas endgültig zerstört, die durch die vorangegangenen 100 Jahre der nationalen Demütigung, der inneren Wirren und des Krieges ohnehin zutiefst erschüttert war.

Um geistig zu gesunden, müsste China aufhören, in einer Lüge über sich selbst zu leben. Der wahre Konfuzius forderte, die Menschen müssten zunächst einmal die Begriffe ordnen, bevor Harmonie entstehen könnte. Den amtlich verordneten Konfuzianismus der KP Chinas, den sie nun auch noch durch „Konfuzius-Institute“ ins Ausland exportiert, halten gebildete Chinesen zu Recht für einen Witz. Und im Spiegel der geistigen Kraft der alten chinesischen Geistestradition, die neben Konfuzius bekanntlich viele andere Strömungen kannte wie den Legalismus, den Taoismus oder den Buddhismus, ist dieser Staats-Konfuzianismus erst recht nur eine Farce.

Selbst der Affenkönig Sun Wukong überlebt im heutigen China nur noch als Comicfigur, vollkommen entkleidet seines überaus reichen kulturellen Gewandes. Mao benutzte sein Beispiel noch, um sich selbst als einsamen Rebellen zu stilisieren, sich über seine innerparteilichen Gegner zu erheben und die brutale Kulturrevolution in Gang zu setzen.

Seine Nachfolger machen Sun Wukong eher zum chinesischen Donald Duck. Darin kann man, wenn man will, sogar eine Metapher für zivilisatorischen Fortschritt erkennen: Mag die chinesische Führung auch ab und zu – wie in der Tibet-Krise – in einen maoistischen Jargon zurückfallen und sich in einzelne maoistische Gewaltorgien flüchten, so verfügt sie in der postsowjetischen, globalisierten und durch das Internet vernetzten Welt doch nicht mehr über eine maoistische Option.

China muss sich anpassen an globale Werte, China wird sich anpassen. Das ist nur eine Frage der Zeit.

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