Aber kommen wir umgekehrt mit dem Vergleich zur Hitler-Olympiade 1936 weiter, der so gern in der gegenwärtigen deutschen Debatte über einen möglichen Boykott der Spiele in Peking fällt? Nicht wirklich. Die Nationalsozialisten missbrauchten den sportlichen Wettkampf damals, um die Überlegenheit ihrer Rassenideologie und ihres Herrenmenschentums zu demonstrieren. Aus Berlin vernahmen die Völker der Welt die aggressive Botschaft eines schon damals auf Krieg und Expansion gepolten Regimes. Der einschüchternde Tonfall der Reden Hitlers beeindruckte einen Teil der Olympioniken ebenso nachhaltig wie er einen (deutlich kleineren) anderen Teil ebenso nachhaltig bis ins Mark erschreckte.
Nach den Olympischen Spielen 1936 wählten Großbritannien und Frankreich die Appeasement-Politik, weil ihnen Hitler bereits als zu mächtig erschien, um ihn noch zu bremsen. Und einige weitsichtige Berliner Juden packten nach den Spielen endgültig ihre Koffer, wie Victor Klemperer in seinen Memoiren berichtete.
Die chinesische Führung verfolgt bei allem Negativen, was man über sie sagen kann, keine aggressiven Träume. Ihr geht es um Machterhalt, nicht um Expansion. Sie orientiert sich mit der politischen Botschaft, die sie senden möchte, eher an asiatischen Vorbildern als am Berlin der 30er-Jahre.
Vergessen wir nicht: Mit den Spielen in Peking treffen sich die Olympioniken erst zum dritten Mal in ihrer Geschichte überhaupt in einem fernöstlichen Land. Wer Peking 2008 verstehen will, sollte sich mit Tokio 1964 und Seoul 1988 beschäftigen.
Für die Japaner ging es bei ihren Olympischen Spielen vor allem um die „Wiedergewinnung nationaler Identität“, wie der Japanologe Christian Tagsold in einer glänzenden Studie über Tokio 1964 schrieb. Die geächtete Verlierernation des Zweiten Weltkriegs wollte sich zum ersten Mal wieder als vollwertiges Mitglied der Völkerfamilie präsentieren. Deshalb sollten die Spiele einerseits die nationalen Symbole Japans neu aufladen: Der Tenno, wenige Jahre zuvor in US-Medien noch als Kriegsverbrecher tituliert und in der von den Alliierten aufoktroyierten Verfassung zum bloßen Symbol degradiert, sprach in der Eröffnungszeremonie wie ein Staatsoberhaupt. Und Japans Kriegsflagge „Hi no maru“ mit der roten Sonne auf weißem Grund mutierte mit den Spielen und durch die Spiele zur internationalen Design-ikone und zum Friedenssymbol.
Auf der anderen Seite wollten sich die Japaner mit „Olympia als wirtschaftlich-technischer Inszenierung“, wie Tagsold schreibt, als neue Exportnation profilieren. Die Spiele 1964 waren die ersten „computer games“, wie damals die Nachrichtenagentur Associated Press meldete: Von der Zeitmessung beim Hundert-Meter-Lauf bis zur digitalen Anzeigetafel im Stadion funktionierte alles elektronisch und verkündete den Völkern der Welt den Beginn des Chip-Zeitalters. Technischer Fortschrittsglaube und nationale Tradition verbanden sich in einer perfekten Show zu einer neuen Einheit: „Die hervorragende Eröffnungsrede des Tennos eilte aus der kaiserlichen Loge des Nationalstadions von Tokio vermittels elektrischer Wellen zum Satelliten Shinkomu 3, der über dem Äquator fliegend 36 000 Kilometer entfernt war“, schrieb die japanische Tageszeitung „Mainichi Shimbun“ in ihrer Abendausgabe: „Es war die erste weltweite Übertragung der olympischen Geschichte. Der 10. Oktober 1964 14.57 Uhr war der Moment, in dem die Welt eins wurde.“
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Südkoreaner kopierten die Japaner

