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21.04.2008 

Drei Dinge sprechen dagegen: Die chinesische Zivilgesellschaft entwickelt sich weiter und bietet in einigen Nischen – zum Beispiel der Kunst – bereits erhebliche Freiheitsräume. Das heute vorherrschende Entwicklungsmodell aus wildestem Manchesterkapitalismus in der Industrie, spekulativsten Kasinogeschäften an den Börsen von Schanghai und Shenzhen und einem vollständig korrumpierten Staatssektor kann nicht nachhaltig funktionieren. Und der ideologische Überbau mit seiner merkwürdigen Mischung aus Harvard-Eliteideologie, krudem Maoismus und künstlichem Konfuzianismus liefert keinen Kitt mehr zum Zusammenhalt Chinas. Gewaltige politische und wirtschaftliche Anpassungskrisen sind unvermeidlich.

Was dabei aber herauskommen wird, lässt sich nur schwer prognostizieren. Selbst das fürchterliche Massaker vom Tiananmen-Platz 1989 kann sich im heutigen China immer noch wiederholen, wie die Ereignisse in Tibet gezeigt haben. Die chinesische Führung setzt gerade in Krisensituationen auf einen immer aggressiveren Nationalismus, um das ideologisch-moralische Vakuum im Reich der Mitte zu füllen.

Insofern spielen ihr die westlichen Reaktionen gegenwärtig gar ein Stück in die Hände: Sehr viele Chinesen, selbst aufgeklärte Intellektuelle in den Städten, solidarisieren sich seit Wochen mit den kommunistischen Hardlinern. Sie halten die westliche Tibet-Kritik für ein perfides und nur vorgeschobenes Argument, um den weiteren Aufstieg Chinas auf der Weltbühne zu verhindern, der für sie mit den Olympischen Spielen einhergeht. Die Westler und Liberalen unter den chinesischen Intellektuellen und aufstrebenden Professionals fühlen sich gegenwärtig zerrieben zwischen den Fronten. Sie fürchten eine dauerhafte Verhärtung zwischen China und dem Westen, der ihre kleinen Freiheitsräume wieder einschränken könnte.

Ihr Pessimismus wächst, dass Peking 2008 einen dauerhaften Rückschlag in der Öffnung Chinas bringen könnte, die 1978 mit den Reformen Deng Xiaopings begann. In Verbindung mit einer längeren Wirtschaftskrise, die viele China-Kenner und Ökonomen für die nächsten Jahre prophezeien, könnte er so eine gefährliche Mischung erzeugen.

Der chinesische Präsident Hu Jintao beschwört die „harmonische Gesellschaft“ und die „weiche Kraft“ der chinesischen Kultur. Doch leider bleibt das wirkliche China trotz aller wirtschaftlichen Erfolge gerade in dieser Hinsicht ein armes Entwicklungsland. Durch die Tragödien des „großen Sprungs nach vorn“ in den 50er-Jahren und die Kulturrevolution in den 60er-Jahren haben die Kommunisten die geistige Zivilisation Chinas endgültig zerstört, die durch die vorangegangenen 100 Jahre der nationalen Demütigung, der inneren Wirren und des Krieges ohnehin zutiefst erschüttert war.

Um geistig zu gesunden, müsste China aufhören, in einer Lüge über sich selbst zu leben. Der wahre Konfuzius forderte, die Menschen müssten zunächst einmal die Begriffe ordnen, bevor Harmonie entstehen könnte. Den amtlich verordneten Konfuzianismus der KP Chinas, den sie nun auch noch durch „Konfuzius-Institute“ ins Ausland exportiert, halten gebildete Chinesen zu Recht für einen Witz. Und im Spiegel der geistigen Kraft der alten chinesischen Geistestradition, die neben Konfuzius bekanntlich viele andere Strömungen kannte wie den Legalismus, den Taoismus oder den Buddhismus, ist dieser Staats-Konfuzianismus erst recht nur eine Farce.

Selbst der Affenkönig Sun Wukong überlebt im heutigen China nur noch als Comicfigur, vollkommen entkleidet seines überaus reichen kulturellen Gewandes. Mao benutzte sein Beispiel noch, um sich selbst als einsamen Rebellen zu stilisieren, sich über seine innerparteilichen Gegner zu erheben und die brutale Kulturrevolution in Gang zu setzen.

Seine Nachfolger machen Sun Wukong eher zum chinesischen Donald Duck. Darin kann man, wenn man will, sogar eine Metapher für zivilisatorischen Fortschritt erkennen: Mag die chinesische Führung auch ab und zu – wie in der Tibet-Krise – in einen maoistischen Jargon zurückfallen und sich in einzelne maoistische Gewaltorgien flüchten, so verfügt sie in der postsowjetischen, globalisierten und durch das Internet vernetzten Welt doch nicht mehr über eine maoistische Option.

China muss sich anpassen an globale Werte, China wird sich anpassen. Das ist nur eine Frage der Zeit.

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