Landesweite Unruhen
Frankreichs Medien zeigen bravere Bilder

Während ausländische Medien nach möglichst spektakultären Bildern von den landesweiten Unruhen in Franreich gieren, halten sich einheimische Journalisten spürbar zurück: Keiner will dazu beitragen, dass die Jugendlichen in den Vorstädten eine Art Wettkampf der verbrannten Autos austragen.

HB PARIS. Alle wollen sie spektakuläre Bilder einfangen von den vermummten Gestalten, die Steine werfen auf die verhasste Polizei. Oder von den brennenden Autos, über die Schwaden von Tränengas hinwegziehen. Den Albtraum der urbanen Gewalt in französischen Trabantenstädten servieren die ausländischen Medien - vom US-Sender CNN bis zum arabischen Nachrichtenkanal Al-Dschasira - weitaus drastischer als einheimische Fernsehsender.

Einheimische Radionachrichten machen schon längst wieder mit Sport oder Unwetterwarnungen auf. Die Franzosen bekommen weniger aggressiv ins Haus geliefert, was in ihrem Land los ist. Das hat einen guten politischen Grund, und es trägt zur Beruhigung bei.

„Wollen Sie Bilder der Gewalt sehen, mit den brennenden Autos und Gebäuden, dann müssen Sie auf ausländische TV-Sender umschalten“, so rät das linksliberale Pariser Magazin „Le Nouvel Observateur“ seinen Lesern, „was bei uns gezeigt wird, ist fast ein bisschen zu brav und artig.“ Dies ist zwar etwas übertrieben. Französische Kameraleute und Fotografen wollen indessen zumindest für das eigene Land keine Bilder eines „Bürgerkriegs“ herzaubern, die Krawalle und Autos in Flammen in die Nähe des Eiffelturms zu rücken scheinen. Paris brennt eben nicht.

Wie über die dramatischen Gewaltausbrüche berichten, wie auf journalistischer Distanz zu der in Bedrängnis geratenen Politik und den Randalierern bleiben? „Das Problem der Journalisten, das ist ihr sozialer und beruflicher Hintergrund, sie gehen zu den Krawallen so wie man in den Zoo geht“, meint der Sozialist und frühere Präsident von „SOS Racisme“, Malek Boutih. Mehrere Medien griffen deshalb auf Mitarbeiter maghrebinischer Herkunft zurück. Und dennoch schallt den Medienleuten klare Ablehnung entgegen, wenn sie sich gewaltbereiten Jugendlichen nähern: „Hört auf zu drehen, das ist Sarkozy-Fernsehen.“ Die Wut auf den Innenminister und Mann der starken Worte ist riesig.

Die Chefetage des Fernsehsenders France 3 hat seinen regionalen Abteilungen „empfohlen“, nicht mehr zu vermelden, wie viele Autos in welchen „Cités“ in Flammen aufgegangen sind. „Das soll nicht wie eine Hitparade wirken“, sagte der Vize-Informationsdirektor Hervé Brusini. Die ebenfalls öffentlich-rechtliche Konkurrenz von France 3 entschied ähnlich vorsichtig, die Namen der Problemviertel nicht zu nennen, „um nicht einen Wettbewerb (der Gewalt) unter ihnen zu fördern.“ Manche Bürgermeister weigern sich mittlerweile sogar, den lokalen Medien die besonders von der urbanen Gewalt heimgesuchten Viertel mitzuteilen.

Zeichen politischer Einflussnahme von oben? Alle Seiten streiten dies kategorisch ab. Premierminister Dominique de Villepin und sein Innenminister Nicolas Sarkozy hatten einstimmig betont, das von der Regierung aktivierte Notstandsrecht solle keinesfalls die Freiheit der Medien einschränken. „Alle haben aber noch die Entgleisungen (in den Medien) vom April 2002 zur Unsicherheit in Frankreich vor Augen“, erklärte Paul Nahon von France 3.

Damals überboten sich die Sender mit Bildern und Berichten zum Wahlkampf-Hit Kriminalität und Innere Sicherheit. Dann zog der rechtsextreme Front-National-Chef Jean-Marie Le Pen spektakulär in die zweite Runde der Präsidentenwahl ein. Die Medien wollen nicht verantwortlich gemacht werden können, sollte das Trauma beim nächsten Urnengang im Frühjahr 2007 neu aufgelegt werden.

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