Lateinamerika
El Salvador: Zurück in die Armut

Die Überweisungen von Auswanderern sind El Salvadors wichtigste Devisenquelle. Dieser Dollarstrom droht nun zu versiegen - weil in Amerika die Wirtschaft lahmt.

INTIPUCA. Auf dem Dorfplatz in Intipucá geht es an diesem Sonntag beschaulich zu: Auf den Bänken sitzen pubertierende Mädchen und tippen Kurzmitteilungen in ihre Mobiltelefone. Einige Männer im Rentenalter werkeln an einer Häuserfassade. Zwei Frauen haben es sich in der Nähe gemütlich gemacht und essen in der Mittagssonne gefüllte Maisfladen.

Der einzige junge Mann, der zu sehen ist, hat ein Bündel auf dem Rücken geschnürt und schaut ein wenig skeptisch in die Ferne. Es ist der kräftige Migrant. In Bronze gegossen setzt er dem wichtigsten Exportgut des 8000 Einwohner zählenden Dorfes im Südosten von El Salvador ein Denkmal: den Arbeitskräften.

Intipucá ist ein typisches "Remesa-Dorf" - ein Ort, den vor allem junge Männer verlassen haben, um der Armut zu entfliehen und in den USA Arbeit und Auskommen zu suchen; ein Ort, der heute von den Remesas, den Überweisungen der Arbeitsmigranten, lebt. Intipucás gibt es Tausende in Mexiko und Zentralamerika.

"Gewöhnlich döst unser Dorf zu dieser Jahreszeit nicht so vor sich hin, sondern ist gut besucht", erzählt Hugo Salinas, der neue Bürgermeister von Intipucá. Denn die Menschen feiern ihren Schutzpatron San Nicolás de Tolentino - in den vergangenen Jahren ein guter Anlass für Hunderte von Intipucanern, die in den USA leben, ihre Angehörigen zu besuchen. Doch dieses Jahr ist niemand in Feierlaune. "Es waren gerade mal 40 Leute hier", klagt Salinas. "Die meisten haben fürs Reisen kein Geld mehr."

Die insgesamt 18 Millionen lateinamerikanischen Migranten in den USA trifft die Wirtschaftskrise besonders hart. Nach Angaben des Washingtoner Forschungszentrums Pew Hispanic sind sie häufig die Ersten, die ihren Job verlieren. Dann können sie sich weder die Reisen in die Heimat noch die Überweisungen an ihre Familien dort leisten.

Aus El Salvador sind 2,3 Millionen Menschen in die USA ausgewandert. Sie schickten vergangenes Jahr insgesamt 3,8 Milliarden Dollar in ihre Heimat. Das war mit weitem Abstand die wichtigste Devisenquelle von El Salvador. Sie macht rund 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus.

Fast jede zweite Familie in El Salvador bekam bisher eine Finanzspritze aus dem Ausland. Das sieht man auch in Intipucá. Hier trifft Entbehrung auf Überfluss, Armut auf Reichtum: Kleine Hütten aus Holz stehen neben stattlichen zweistöckigen Häusern mit Klimaanlage und Fassaden, an denen sich üppige Bougainvilleen hochranken.

In einem solchen Haus empfängt Hugo Salinas in Lacoste-Shirt und Jogging-Hose zum Gespräch. In seinem Garten grüßt eine Nachbildung der New Yorker Freiheitsstatue aus Zinn. Salinas ist 48 Jahre und hat mehr als ein Drittel seines Lebens in den USA zugebracht.

Vor einem Jahr hing Salinas seinen Job als Sozialarbeiter in Washington D.C. an den Nagel, um daheim für das Bürgermeisteramt zu kandidieren. Das ist ungewöhnlich, denn die meisten Auswanderer kehren erst in ihre Heimat zurück, wenn sie in Rente gehen.

Salinas wohnt in dem Haus seines Onkels Alcides, der seit 40 Jahren in Washington lebt und sich die Villa von seiner Arbeit als Kellner in einem großen Hotel vom Munde abgespart hat. "110000 Dollar hat das Haus gekostet", erzählt Salinas. Und es soll einmal als Alterssitz für die gesamte Familie dienen, in der fast jeder schon in jungen Jahren in die USA gegangen ist.

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