Lateinamerika
Lula macht Chávez die Energiehoheit streitig

Der Venezolanische Präsident Hugo Chávez ist bemüht, die Staaten Süd- und Mittelamerikas auf seine Weise glücklich zu machen: er verkündete vollmundig, direkt fünf Länder am Ölreichtum seines Landes teilhaben zu lassen. Ob das geschieht, ist fraglich, zumal der brasilianische Amtskollege Lula da Silva mit anderen Plänen den Nerv der Zeit trifft.

SAO PAULO. Die Präsidenten Brasiliens und Venezuelas werben beim Thema Energie um Verbündete in Lateinamerika. Dafür waren zeitgleich der Brasilianer Luiz Inácio Lula da Silva sowie der Venezolaner Hugo Chávez im jeweiligen Einflussgebiet des anderen Präsidenten unterwegs: Lula besuchte in der vergangenen Woche fünf Länder in Mittelamerika und der Karibik, um für Ethanolprogramme nach dem Vorbild Brasiliens zu werben. Zur gleichen Zeit sicherte Chávez vier südamerikanischen Staaten (Uruguay, Argentinien, Bolivien und Ecuador) die langfristige Versorgung mit venezolanischem Gas und Öl zu.

Die Energie-Diplomatie hatte unterschiedliche Erfolge: Der Linkspopulist Chávez verkündete auf seiner „Blitzreise“ überall gewaltige Investitionen, deren Realisierung zweifelhaft ist. Lulas „Ethanol-Mission“ in Mittelamerika verlief weniger spektakulär, sie könnte Brasilien aber helfen, den Anbau für Biosprit zu forcieren und ihm einen Zugang zum wichtigen US-Markt öffnen.

Im kleinen Ecuador will Chavez eine Raffinerie für fünf Mrd. Dollar errichten. In Bolivien sicherte er eine Mrd. Dollar für die Gründung der bolivianisch-venezolanischen Gemeinschaftsfirma Petroandina zu. In Argentinien will Chávez der Regierung eine Gasanlage für 500 Mill. Dollar finanzieren, mit der aus Venezuela verschifftes Flüssiggas wieder in Gas verwandelt werden soll. Auch Uruguay versprach Chávez Öl- und Gaslieferungen für die nächsten 100 Jahre. „Uruguay wird nie wieder Energieprobleme haben“, verkündete der Präsident vollmundig. Auch sein argentinischer Kollege Nestor Kirchner ließ sich von der Euphorie anstecken und versprach im Beisein von Chavez in Bolivia: „Wenn Petrobras und Repsol nicht mehr in Bolivien investieren wollen, reicht ein Anruf und wir sind da.“

Energieexperten sehen Chávez’ Ankündigungen skeptisch, zumal er schon andere Investitionspläne versanden ließ. Argentinien und Uruguay leiden bereits unter Stromrationierungen, weil sie nicht genügend Gas erhalten. Auch in Ecuador ist fraglich, womit die groß dimensionierte Raffinerie betrieben werden soll. Seit Jahresanfang ist die Ölförderung um ein Viertel gesunken. Venezuela besitzt keine Gas-Verflüssigungsanlage und muss trotz großer vermuteter Vorkommen Gas aus Kolumbien importieren. „Wegen der politischen Unsicherheit ist es unwahrscheinlich, dass private Investoren bereit sind, sich in Venezuela langfristig zu binden“, sagt Rafael Schechtman, Direktor des brasilianischen Zentrums für Infrastruktur. Vor kurzem haben die US-Ölkonzerne ExxonMobil und ConocoPhillips Venezuela verlassen, weil sie die neuen Förderabgaben und Rahmenbedingungen nicht akzeptieren wollten. Selbst Venezuelas Staatskonzern PdVSA, das nach Umsatz größte Unternehmen Lateinamerikas, kann schon länger nicht mehr die OPEC-Quoten erfüllen – wegen fehlender Investitionen.

Lula konnte auf seiner „Ethanol-Mission“ mit Honduras, Panama und Jamaika lediglich technische Kooperationen für den Transfer von Ethanoltechnologie abschließen. In Nicaragua erklärte Präsident Daniel Ortega sogar, dass er kein Interesse an Ethanol habe, weil es die „Lebensmittelversorgung der Bevölkerung“ bedrohe – die Kritik von Chávez am Biotreibstoff. Lula beschwichtigte den ehemaligen Linken Revolutionsführer: „Niemand wird Biodiesel oder Ethanol benutzen, nur weil Brasilien das will. Jeder Staat ist souverän in seiner Energieplanung.“

Lulas brachte von seiner Reise zwar weniger konkrete Projekte mit – dennoch könnte sie folgenreicher für die Energieversorgung sein als die von Chávez: Die brasilianische Ethanolindustrie ist daran interessiert, von Mittelamerika aus Ethanol zollbefreit in die USA exportieren zu können. Mehrere Staaten in der Region wollen künftig Ethanol zum Benzin beimischen, um die Abhängigkeit von Benzinimporten zu verringern.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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