Lateinamerika
Verblassende Erinnerung

Lateinamerika vergisst seine europäischen Wurzeln. Die nachlassende Strahlkraft des alten Kontinents hat mit der dominierenden Rolle der USA zu tun – und mit der EU-Außenpolitik, die die Lateinamerikaner vor allem als Abschottungspolitik gegen ihre Produkte zu spüren bekommen.

SÃO PAULO. Fernando Henrique Cardoso, zweimaliger Präsident Brasiliens, ist ein lateinamerikanischer „Europäer“ alter Schule. Der renommierte Soziologe spricht nach seiner Studienzeit und Gastprofessuren an der Sorbonne perfekt Französisch. Seine philosophischen Vorbilder kommen aus Europa, er kennt die führenden europäischen Denker aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts meist persönlich. Zwar hat er auch an US-Universitäten wie Stanford und Princeton doziert und wurde im Exil von der nordamerikanischen Ford-Foundation unterstützt – doch sein Englisch hat bis heute einen kräftigen Akzent. Nie würde er die USA als seine geistige Heimat bezeichnen.

Doch auch wenn es unter den Eliten Lateinamerikas – in der Unternehmerschaft, den Außenministerien, der höheren Beamtenschaft – immer noch viele Persönlichkeiten wie den 77-jährigen Cardoso gibt, die eng mit Europa verbunden sind, so werden es doch immer weniger. Zwar verbringt die Elite Lateinamerikas ihre Ferien weiterhin gerne in St. Moritz und Paris. Aber ihre Kinder schickt sie zum Studieren schon lange in die USA. Und die Mittelschicht reist sowieso lieber nach Disneyland – trotz oft vorhandener europäischer Wurzeln.

Die nachlassende Strahlkraft Europas hat einerseits mit der dominierenden Rolle der USA zu tun – wirtschaftlich, politisch, aber auch kulturell. Das gilt besonders für Mexiko und das restliche Zentralamerika, aber auch die südamerikanischen Staaten. Lateinamerika wirkt heute trotz der Animositäten gegenüber der Weltmacht im Norden immer enger mit ihr verbunden. Die Länder zwischen Patagonien und Alaska wachsen wirtschaftlich zusammen, auch wenn Länder wie Brasilien oder Venezuela Sonderwege gehen.

Doch auch diese Staaten betrachten die EU immer weniger als Vorbild für eine Entwicklungsalternative: Das liegt an der wenig dynamischen Rolle, die Europa als Institution seit den 80er-Jahren in Lateinamerika spielt. Zwar investieren europäische Unternehmen weiter kräftig. Doch die EU-Außenpolitik bekommen die Lateinamerikaner vor allem als Abschottungspolitik gegen ihre Produkte zu spüren. Und die europäische Integration wird immer weniger als Vorbild für regionale Staatengemeinschaften wie den Mercosur oder die Andengemeinschaft gesehen.

Betrachtet man die institutionalisierten Kontakte zwischen der EU und Lateinamerika, so fällt die zunehmende Substanzlosigkeit seit dem ersten gemeinsamen Gipfel 1999 auf: Die „gemeinsamen Wurzeln“, die immer wieder beschworen werden, existieren zwar. Immerhin kamen die Kolonisatoren aus Europa. Aber von dem „Wertekonsens“, der die Annäherung nicht nur in Fragen der Wirtschaft, sondern auch der Demokratie oder der sozialen Gerechtigkeit erleichtern würde, ist nur noch wenig zu spüren. Ganz im Gegenteil: Bei Handelsrunden – sei es Doha oder zwischen der EU und dem Mercosur – verdächtigen die Lateinamerikaner die Europäer, genau diese Werte für einen neuen Protektionismus einzusetzen. So hat der französische Diplomat Alain Rouqié kürzlich in einer Analyse die vermeintliche Nähe der neuen zur alten Welt treffend beschrieben: „Lateinamerika – Ferner Westen“.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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